Laos
Dezember 22, 2014

Erste-Welt-Probleme


Laos hat einen schwe­ren Stand bei mir. Denn Laos elek­tri­siert mich nicht. Nimmt mich nicht mit. Ich kupple nur, fahre aber nicht. Keine Auto­ma­tik. Die Flut an Bil­dern aus Neu­see­land macht Laos ganz klein. Die Luft ist gerade raus. Die Begeis­te­rungs­fä­hig­keit im Moment ver­flo­gen. Die Leich­tig­keit weg. Auf all das hier kann ich mich im Augen­blick nicht ein­las­sen. Es macht kei­nen Spaß. Schon mein kur­zer geplan­ter Zwi­schen­stopp in Sin­ga­pur zog sich in die Länge, weil ich mich ein­fach nicht ent­schei­den konnte.

Sicher­lich tue ich damit Laos Unrecht.

Der Nor­den des Lan­des gehört zu den weni­ger besuch­ten Regio­nen. Die letzte grö­ßere Stadt ist Luang Prabang, UNESCO-Weltkulturerbe. Von dort füh­ren die meis­ten Rei­se­rou­ten Rich­tung Süden. Wer nach oben will, weiß um lange Bus­fahr­ten durch unend­li­che Hügel­land­schaf­ten. Dort bin ich jetzt. Der Nor­den, so heißt es, ver­spricht Abge­schie­den­heit, Ruhe und Beson­nen­heit. In ein paar Jah­ren könnte das vor­bei sein.

Die Gren­zen zu Thai­land, China und Viet­nam sind nicht weit. Geschichte liegt im Dschun­gel. So etwa die der in kaum einem Buch auf­tau­chen­den ame­ri­ka­ni­schen Geheimope­ra­tio­nen, die par­al­lel zum Viet­nam­krieg statt­fan­den. Über zwei Mil­lio­nen Ton­nen US-Bomben wur­den über Laos abge­wor­fen, nicht zuletzt des­halb, weil der Ho-Chi-Minh-Pfad – einer der zen­tra­len Ver­sor­gungs­rou­ten der Nord­viet­na­me­sen von Nord- nach Süd­viet­nam durch Teile von Laos führte. Der geheime Krieg hat Spu­ren hin­ter­las­sen, etwa im Dörf­chen Nong Khiaw, wo man den leh­mi­gen Pfad zum Aus­sichts­punkt auf einem der grün bewach­se­nen Karst­fel­sen bes­ser nicht ver­lässt. Blind­gän­ger lie­gen noch heute weit ver­streut.

Vom gehei­men Krieg hatte auch ich bis­her nichts gehört. Bis ich vor weni­gen Tagen irgendwo ein Schild sah und die Google-Suche auf mei­nem Smart­phone wei­ter­half. In Muang Ngoi Neua war das. Vor einem Jahr wäre das noch nicht mög­lich gewe­sen hier. Denn damals gab es noch kein Han­dy­netz, son­dern nur drei Stun­den Strom am Abend. Noch immer ist das Dorf nur durch eine ein­stün­dige Boots­fahrt von Nong Khiaw auf dem Nam Ou zu errei­chen. Bei der Ankunft am schlam­mi­gen Ufer ist es aber Ende 2014 nicht mehr weit, bis die ers­ten Schil­der auf „hot show­ers“ und „free wifi“ hin­wei­sen. Die Land­schaft ist auch hier beein­dru­ckend. Das Dorf ein­ge­kes­selt zwi­schen rie­si­gen grü­nen Hügeln, mal rund, oval oder kan­tig und immer wie­der von Fel­sen durch­setzt. Das kann gar nicht lang­wei­lig sein, nicht öde und doch nehme ich die­sen Moment nur hin, nicht aber auf. Seit mei­ner Ankunft in Laos vor zehn Tagen ist das so.

Als ich Edward aus Schott­land auf den Stu­fen vor dem Steg meine Situa­tion schil­dere, spricht er irgend­wann von „Erste-Welt-Problemen“. Wohl wahr. Edward ist 63 und muss es ja wis­sen. Klar ist das urko­misch. Wer kann sich schon, umge­ben von einem gigan­ti­schen Mix aus Was­ser, Wäl­dern und Ber­gen, dar­über beschwe­ren, seine Situa­tion nicht gut zu fin­den. Die schwie­rigste Frage ist die, wel­che Him­mels­rich­tung die nächste sein soll? Schwie­rig? Der Typ muss Pro­bleme haben. Selbst die bit­ter­kal­ten Abende dürf­ten eigent­lich gänz­lich unbe­deu­tend sein. Auge­stat­tet mit dem Pri­vi­leg, mit tau­sen­den Euros durch die Welt zu rei­sen. Und doch sind die Tem­pe­ra­tu­ren täg­li­ches Gesprächs­thema. Ver­dammt, auch hier ist eben Win­ter. Auch wenn’s nie unter die zehn Grad geht. Wir lachen dar­über, wäh­rend hin­ter uns die letz­ten Son­nen­strah­len über die Hügel blin­zeln. Noch Kilo­me­ter wei­ter fluss­ab­wärts sind die Berg­ket­ten im fah­len Abend­licht zu sehen.

Es ist also momen­tan ein­fach so. Die Geschichte zwi­schen mir und Laos passt nicht. Eine ziem­lich lapi­dare Erkennt­nis. Wenn’s aber doch so ist. Ver­su­chen, sie pas­send zu machen? Das wäre mehr Zwang als freie Ent­schei­dung. Denn Edward erzählt noch eine andere Geschichte und die endet damit, dass er sich vor­ge­nom­men hat, nichts zu machen, was er nicht wirk­lich will. Wei­ter­hin den Nor­den von Laos zu berei­sen, nur um nacher sagen zu kön­nen: Ich war da! Das ist arg arm. Klar kann es sein, dass Ruhe und Abge­schie­den­heit in ein paar Jah­ren nicht mehr zu fin­den sind. Des­halb aber jetzt blind durchs Land zu ren­nen? Damit es gemacht ist? Ich will gerade keine läs­ti­gen Bus­fahr­ten mehr, keine lan­gen Hosen tra­gen und keine schlechte – meine – Laune. Ein­re­den will ich es mir zwar nicht, aber so ein biss­chen erin­nert mich die Gefühls­lage an mein ers­tes Rei­se­tief, nen­nen wir es ein­fach mal Reise-Burn-Out, damals in den ers­ten Wochen in Indo­ne­sien. Nur ohne Kot­ze­rei und Horror-Busfahrt.

So schwirrt seit Tagen der Name von Chiang Mai in mei­nen Gedan­ken. Der Blick auf die Land­karte ist viel­ver­spre­chend: Allzu weit ist es von Nord­laos nach Nordthai­land nicht. Nur noch ein paar Bus­fahr­ten ent­fernt. Holp­rige Bus­fahr­ten. Anders geht’s dann doch nicht. Im übersichtlich-sympathischen Chiang Mai war ich schon mal im März – für fast zwei Wochen. Das sagt vie­les. Und wenn das Hin und Her im Kopf lang­sam ner­vig wird, muss sich eben ein­fach mal ent­schei­den. Das hab ich dann gemacht. Also Chiang Mai. Ab zur laotisch-thailändischen Grenze. Nach Thai­land ein­rei­sen. Zwi­schen Weih­nach­ten und Sil­ves­ter dürfte ich da sein. Mal wie­der län­ger nichts machen. Gewohn­tes sehen und gucken, was das neue Jahr bringt. Hof­fent­lich die Lösung mei­ner Pro­bleme aus der Ers­ten Welt. Das hat doch schon mal geklappt.

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1 Comment

  • […] Die Ent­schei­dung, Laos zu ver­las­sen, war gefal­len. Darum ging es zwar nicht schnellst­mög­lich, aber auf direk­tem Weg aus Luang Nam Tha in Nord­laos zu einer der „Freund­schafts­brü­cken” zwi­schen den bei­den Län­dern. Die Städte Huay Xai (Laos) und Chiang Kong (Thai­land) sind seit 2013 über eine Brü­cke ver­bun­den. Zuvor konnte die Grenze nur mit einer kur­zen Boots­fahrt über­schrit­ten wer­den. Von Chiang Kong ging es dann noch­mal vier Stun­den lang mit dem Mini­bus nach Chiang Mai. Vom am Abend sehr kal­ten Laos ins 24-Stunden-T-Shirt-Wetter nach Nordthailand. […]

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