Indonesien
September 19, 2014

Grenz­er­fah­rung am Mount Rinjani


Wer den zweit­höchs­ten Vul­kan Indo­ne­si­ens besteigt, muss mit sub­tro­pi­scher Hitze, Nebel und Tem­pe­ra­tu­ren um den Gefrier­punkt rech­nen. Der Auf­stieg ist nicht unge­fähr­lich, die mehr­tä­gige Tour abwechs­lungs­reich, der Blick vom Gip­fel versöhnlich.

End­lich. Wind­schutz. Regungs­lo­ses Aus­har­ren. Kau­ern am kal­ten Stein. Die Gedan­ken sprin­gen. Ein Fels­vor­sprung, der erste geschützte Ort seit zwei Stun­den. Wenige Höhen­me­ter tie­fer pfeift die Luft in Eises­kälte über den Berg­grat. Die Tem­pe­ra­tur: Um den Gefrier­punkt. Die Sicht: Nichts als Nebel. Die Gelenke: Steif und unbe­weg­lich. Gezeich­net vom Auf­stieg über die unzäh­li­gen Ton­nen an Geröll, die unter uns lie­gen. Hand­schuhe wären jetzt schön. Keu­chende Gesich­ter star­ren sich an. Stumm. Erstarrt vor Kälte. Noch zwan­zig Höhen­me­ter zum Gipfel.

46 Stun­den zuvor, 3000 Meter tie­fer. „I do this trek two times a week“, erzählt Sato. Er ist einer der Gui­des, die uns in den nächs­ten drei Tagen beglei­ten wer­den. Keine 1,65 Meter ist Sato groß, braun gebrannt und durch­trai­niert. Die indo­ne­si­sche Vari­ante von zäh – und Durch­hal­te­ver­mö­gen ist nötig für die­sen Berg. Drei Kilo­me­ter wei­ter oben iiegt unser Ziel – in ver­ti­ka­ler Luftlinie.

Der Mount Rin­jani. Indo­ne­si­ens zweit­höchs­ter Vul­kan. Nur der Kerinci auf Suma­tra über­ragt ihn um wenige Meter. Längst ist der Rin­jani, der hei­lige Berg, wie ihn die Ein­hei­mi­schen nen­nen, kein Geheim­tipp mehr. Tau­sende Tou­ris­ten ver­su­chen sich jedes Jahr. Zu viel­ver­spre­chend der Blick auf den tür­kis­blauen Kra­ter­see, zu ver­lo­ckend, mal auf 3726 Metern zu ste­hen. Das Unter­neh­men ist aber kein Sonn­tags­aus­flug. Die Brie­fings vor Tour­start sind ein­dring­lich und ernst. Erst kürz­lich stürzte ein Trä­ger beim Abstieg zum Kra­ter­see in den Tod. Die steil abfal­len­den Hänge aus Asche und Geröll links und rechts des Weges stel­len ein wei­te­res Gefah­ren­po­ten­zial dar. Längst erreicht nicht jeder das Gipfelplateau.



Schwül­warme Luft schlägt uns ent­ge­gen, als wir in den dicht bewach­se­nen Dschun­gel von Nord­lom­bok star­ten. Die ers­ten Stun­den füh­ren durch tro­pi­schen Regen­wald. Viel Grün, viel Wur­zeln, viel Schweiß. Obwohl die Sonne kaum durch die Baum­kro­nen dringt, steht die Luft. Schlag­ar­tig wird es küh­ler, als wir die Wol­ken­grenze durch­schrei­ten. Schwarze Affen sprin­gen in den Bäu­men. Immer wie­der kna­cken Äste. Die Umge­bung wird neb­lig, fast schon mys­tisch. Die Trink­pau­sen wer­den trotz­dem län­ger. Längst ist die elf­köp­fige Gruppe gespal­ten. Ich hänge am Ende. Vor zwei Tagen spa­zierte ich noch durch die voll­kli­ma­ti­sier­ten Gebäude Sin­ga­purs. Das rächt sich.

Nach fünf Stun­den Auf­stieg gibt es Fut­ter für die Augen. Wir errei­chen Hob­bit­land. Oder die Lüne­bur­ger Heide. Über der Baum­grenze erstreckt sich eine weit­ge­streckte, grün bewach­sene Hügel­land­schaft. Steil fal­len die Flan­ken auf der einen Seite ab, träge rol­len Wol­ken­grup­pen auf der ande­ren gen Tal. Auf san­di­gen Wegen schleicht sich der Pfad nach oben. Stein­pas­sa­gen durch­set­zen den Auf­stieg. Die Hände müs­sen hel­fen. Mein Ele­ment. Das moti­viert. Ich ver­teufle stets die öden Zubrin­ger­wege bei Aus­flü­gen in die Berge. Nie kann es für mich schnell genug fel­si­ger und somit inter­es­san­ter werden.



Die Zelt­städte ste­hen am spä­ten Nach­mit­tag bereits. Am Kra­ter­rand auf 2600 Metern Höhe. Wol­ken­um­hüllt und majes­tä­tisch thront der Rin­jani. Klar setzt sich der tief­blaue Kra­ter­see zu sei­nen Füßen ab. Mit­tig in der Cal­dera erhebt sich ein Vul­kan­ke­gel, der dünne Rauch­schwa­den aus­spuckt. Minu­ten spä­ter geben die Wol­ken den Blick frei auf den Gip­fel. Nur zu erah­nen ist der kilo­me­ter­lange Grad, der zu sei­ner Lin­ken schein­bar gemäch­lich empor­steigt. Keine Stunde spä­ter ist das Pan­orama in Schat­ten gehüllt, der Zau­ber erlo­schen. Abge­löst von der dra­ma­tisch unter­ge­hen­den Sonne, die nach und nach in der tief hän­gen­den Wol­ken­de­cke über dem Meer ver­schwin­det. Irgendwo dar­un­ter lie­gen die drei Gili-Inseln, wo die Nacht erst jetzt beginnt und sich die Par­ty­wü­ti­gen Mut antrinken.



Wol­ken beherr­schen den Mor­gen. Der Son­nen­auf­gang ent­fällt. Aber immer­hin drau­ßen aus dem Zelt. „Unlu­cky tou­rists today“, sagt Sam, der uns Bana­nen­pan­cakes bringt und auf den ver­hüll­ten Gip­fel blickt. Heute gibt es kei­nen Sah­ne­blick von oben. Woll­schlaf­sack, Socken, lange Hose, Fleece-Weste – alles ist feucht. Der Rücken schmerzt. Die Nacht, ein Mix aus Wäl­zen, War­ten und Kälte. Der Abstieg zum Kra­ter­see bringt Wärme. 600 Höhen­me­ter hin­un­ter. Fel­sig, teils mit Stahl­sei­len gesi­chert, dann wie­der auf schma­len Pfa­den nur flach abfal­lend. Zur Rech­ten stets der Vul­kan­see im Blick.

Ent­spannte Gesich­ter in den hei­ßen Quel­len am See. Wie­der Was­ser nach 30 Stun­den. Mus­keln lockern. Kurze Ent­span­nung. Dann wei­ter zum zwei­ten Basis­la­ger, ent­lang an hüft­ho­hen, grün-gelben Grä­sern und steinig-sandigen Wegen. Nie­sel­re­gen setzt ein. Wol­ken zie­hen zügig Rich­tung Tal­ebene. Der Weg gabelt nach rechts, nun immer stei­ler wer­dend. Dann kommt uns das Was­ser ent­ge­gen. Es reg­net aus Strö­men. Meh­rere Grup­pen pas­sie­ren uns. Sie gehen die Route in umge­kehr­ter Rich­tung. Waren schon am Gip­fel. Die Regen­ja­cke klebt an der Haut. Trie­fende Affen beglei­ten mich für einige Minu­ten. Bar­fuss lau­fende Trä­ger über­ho­len mich. Der größte Teil mei­ner Gruppe ist hier schon längst vor­bei­ge­kom­men. Aber Zeit spielt keine Rolle mehr. Stoi­sches Berg­auf­stap­fen. Vor mir glit­schige Fel­sen, immer wie­der von Trep­pen­stu­fen durch­setzt. Hin­ter mir eine Nebel­wand. Ser­pen­tine um Ser­pen­tine. Totale Mono­to­nie im Dau­er­re­gen. Das Spaß­le­vel sinkt.



Im Lager ange­kom­men, hat sich die Wet­ter­lage etwas gebes­sert. Es reg­net nicht mehr. Die Sonne aber zu schwach, die Wol­ken zu dicht. Es ist schon nach vier. Erste Zwei­fel machen sich breit. Chef­guide Sam ist sich auch nicht sicher, ob ein Auf­stieg bei die­sen Ver­hält­nis­sen Sinn macht. „I am not god“, wie­der­holt er immer wie­der, als er nach sei­ner Mei­nung gefragt wird. Der Grund­ton aber bleibt indo­ne­sisch opti­mis­tisch. Irgend-wie wird es schon gut gehen. Und noch ist Zeit bis zum frü­hen Mor­gen. Um 3 Uhr soll der Gip­fel­sturm beginnen.

Bestimmte Ereig­nisse brau­chen kei­nen Schlaf. Schon Stun­den, manch­mal Tage vor­her, wis­sen Kör­per und Geist, dass das Beson­dere nicht mehr weit ist. So geht es ohne Regen, über­mü­det, aber hell­wach um drei Uhr Rich­tung Rin­jani. Die ers­ten Grup­pen sind schon kurz nach zwei Uhr auf­ge­bro­chen und hat­ten beim Vor­bei­ge­hen skur­rile Schat­ten an die Zelt­wände gewor­fen. Die Minu­ten im klir­rend kal­ten Zelt zogen sich noch länger.

Stirnlampen-Ketten zie­hen sich gen Gip­fel. Wind­stille, Ster­nen­him­mel. 3000 Meter unter uns leuch­ten ver­ein­zelt die Dör­fer der Insel. Nur lang­sam geht es voran. Immer wie­der staut sich die Menge. Über­ho­len fällt im san­di­gen Boden schwer. Dann ändert sich die Topo­gra­phie. Der schmale Grat beginnt, der vom Kra­ter­rand am Tag zuvor nur zu erah­nen war. Links und rechts fällt das Areal nun in die Tiefe. Der Wind frischt auf, fegt über den kar­gen Weg. Der här­teste Teil des Auf­stiegs beginnt.

Von der Auf­bruchs­stim­mung eine Stunde zuvor ist nichts mehr geblie­ben. Zwei Schritte voran, einen zurück. Minu­ten­lang. Unauf­hör­lich. Ich warte auf eine pas­sende Stelle, um kurz zu ras­ten. Sie kommt nicht. Unsere Gruppe ist in ihre Ein­zel­teile zer­fal­len. Jeder folgt von nun am sei­nem eige­nen Licht­ke­gel. Wie im schlecht geskrip­te­ten Aben­teu­er­thril­ler hat sich zudem die Sicht auf ein Mini­mum redu­ziert. Wol­ken und Nebel hän­gen direkt über unse­ren Köp­fen. Die Lunge brennt, die Fin­ger frie­ren. Wie­der zwei Schritte nach oben gehen, einen nach unten rut­schen. Hand­große Geröll­hau­fen pla­nen den Weg. Der ist viel­leicht zwei, drei Meter breit. Wie tief es in den Abgrund geht, spielt nur noch eine unter­ge­ord­nete Rolle. Der Blick ver­ne­belt alles.

Die Kälte nagt immer mehr. So um den Gefrier­punkt, sagt man uns spä­ter. Mal schiebe ich mich an eini­gen Mit­strei­tern voran, mal kom­men mir die Gesich­ter bekannt vor. Es bleibt unan­ge­nehm steil. Eine Pause lässt einen unwei­ger­lich noch mehr frie­ren. Und abrut­schen. Das Geröll gibt kei­nen Halt. Ein moti­vie­ren­der Blick zum Gip­fel wäre schön, denke ich und sehe kaum die Fer­sen mei­nes Vor­der­manns. Im Schnitt drei Stun­den bis nach oben. Hat der Guide gesagt. Bin ich Durchschnitt?


In der Hoff­nung auf soli­des Mit­tel­maß kom­men wirre Gedan­ken auf. Everest-Geschichten schie­ßen mir in den Kopf. Extrem­berg­stei­ger, die vor Erschöp­fung ein­fach ste­hen blei­ben. Im ewi­gen Eis ver­sin­ken. Oder ein­ge­schneit wer­den. Nicht mehr wei­ter wol­len. Nicht kön­nen. Kann ich nach­voll­zie­hen, höre ich mich sagen, ehe die Absur­di­tät der Gedan­ken mich einholt.

Die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit macht mürbe. Der Auf­stieg die pure Mono­to­nie. Keine Ser­pen­ti­nen, keine ele­gan­ten Fels­for­ma­tio­nen, nur steil berg­auf. Drei Stun­den müs­sen bald vor­bei sein, rede ich mir immer wie­der ein. Der Wunsch nach öden Zubrin­ger­we­gen in deut­schen Alpen ist stark. Das Ver­lan­gen nach tro­pi­schen Tem­pe­ra­tu­ren im Dschun­gel groß.

Die Hoff­nung kommt mit dem Fels. Meh­rere Per­so­nen kau­ern bereits hin­ter dem Vor­sprung. Schnell spricht sich rum, dass es nur noch wenige Minu­ten zum Gip­fel sein sol­len. Erschöpft lehne ich mich nach hin­ten. Kein Wind peitscht mehr von vorne. Nur das Keu­chen der frisch Ein­ge­trof­fe­nen zer­schnei­det die Stille. Alle star­ren sich fra­gend an. Minu­ten­lang. Ein zar­ter oran­ge­far­be­ner Strei­fen am Hori­zont beant­wor­tet schließ­lich alles. Son­nen­auf­gang. Mit dem Licht ver­schwin­det auch der Nebel. Die Wol­ken zie­hen ab. Einer unse­rer Gui­des gibt den Start­schuss. Noch zwan­zig Höhen­me­ter zum Gipfel.

Der Hori­zont strahlt. Erst tie­fo­r­ange, dann immer hel­ler. Gelb. Fast gol­den. Die Eises­kälte ist kurz ver­ges­sen. Nur den Aus­lö­ser zu drü­cken, das fällt schwer. Immer mehr Kame­ras kli­cken. Men­schen umar­men sich. Gui­des ver­tei­len stein­harte Scho­ko­rie­gel an die Gip­fel­stür­mer. Dun­kel im Schat­ten war­tet der tief­blaue Kra­ter­see auf die ers­ten Son-nenstrahlen. 24 Stun­den zuvor ver­sperr­ten hier noch die Wol­ken die­sen Blick. Heute Gip­feleu­pho­rie. Sche­men­haft sind drei schmale Farb­tup­fer im fer­nen Meer zu sehen. Die Gili-Inseln, nur wenige Meter über dem Was­ser­spie­gel gelegen.

3726 Meter tiefer.



INFOR­MA­TIO­NEN UND TIPPS

- Der Preis für eine 3-Tages-Tour von Senaru aus star­tend liegt zwi­schen 1,0 bis 1,6 Mil­lio­nen Rupiah (65 bis 105 Euro). Je nach Ver­hand­lungs­ge­schick und Anbie­ter.
 
- Ohne Pro­bleme lässt sich die Tour auch von den Gili-Inseln buchen. Anfahrt zum Start­ort inbe­grif­fen von Lom­bok aus.
 
- Hand­schuhe und Regen­ja­cke kön­nen wirk­lich nicht scha­den. Wech­sel­kla­mot­ten ein­pa­cken für den Fall der Fälle.
 
- Die Ver­pfle­gung ist in Ord­nung. Zu viel Kom­fort ist nicht zu erwar­ten. Uns wurde eine Drei­er­gruppe ver­spro­chen, am Ende waren es aber über zehn Per­so­nen (was nicht nega­tiv war).
 
- Pri­vat­gui­des und kleine Grup­pen sind mög­lich, dem­ent­spre­chend aber auch teurer.

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5 Comments

  • Petra Scha­cher
    petraschacher0705@gmail.com
    93.222.158.195
    Ein­ge­reicht am 18.09.2014 um 09:11
    Hallo Benedikt!

    End­lich habe ich es geschafft und Dei­nen fan­tas­ti­schen Block „moment­des­au­gen­blicks” geöffnet!

    Nun habe ich viel nach­ge­le­sen und bin mehr als begeis­tert - was Du so alles auf eigene Faust erlebst und mit­tels Berichte, Bil­der und Videos andere daran teil­ha­ben lässt: gran­dios - echt der Ham­mer - wahn­sin­nig und wirk­lich echt „abge­fah­ren”, ha!

    Freue mich jetzt schon auf wei­tere Neu­ig­kei­ten - da bleibt die Fern­seh­kiste aus - folge lie­ber Dir auf Dei­nen Spu­ren ins „Neuland”.

    Mach wei­ter so - Du steckst das ZDF oder die ARD und die ande­ren sowieso längst in die Tasche!

    Bleib gesund und mach so mutig weiter !!!!!

    Viele liebe Grüße aus dem jetzt schon neb­li­gen Nasgenstadt

    Petra und Her­mann und die Jungs

  • […] per­fekt geform­ter Vul­kan bei New Ply­mouth, hoch­kra­xeln will. Erin­né­run­gen an den Rin­jani in Indo­né­sien kom­men im Geröll­hang auf. 60 Men­schen haben bis heute ihr Leben am Tara­naki gelassen. […]

  • […] Grenz­er­fah­rung am Mount Rinjani […]

  • […] Grenz­er­fah­rung am Mount Rinjani […]

  • […] Hill Peak. Die nächs­ten 800 Höhen­me­ter und 80 Minu­ten glei­chen der Bestei­gung des Mount Rin­jani in Indo­né­sien. Es gibt keine Mar­kie­run­gen, nur weg­wei­sende Stein­hau­fen in Sicht­weite. Und viel […]

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