Myanmar
April 21, 2014

Im fal­schen Film

Nach fünf Stun­den Bus­fahrt von Chiang Mai nach Mae Sai, der thai­län­di­schen Klein­stadt an der bur­me­si­schen Grenze, dau­ert es keine fünf­zehn Minu­ten und ich bin in Tachi­lek, und somit in einem neuen Land - in Myan­mar. Pass­kon­trolle auf der thai­län­di­schen Seite, Über­que­ren der Grenz­brü­cke, Bestä­ti­gung des in Bang­kok bean­trag­ten 28-Tage-Visums in Myan­mar: Sol­len vor Jah­ren noch viele Tou­ris­ten Pro­bleme bei der Ein­reise gehabt haben, ist das heute nicht mehr so. 90 Pro­zent der Grenz­gän­ger schla­gen den Weg nach Mae Sai aber ohne­hin nur ein, um sich ihr Thailand-Visum durch Aus- und Ein­reise am sel­ben Tag zu ver­län­gern.

Grenzübergang Thailand - Myanmar

In Myan­mar herrscht wie­der Rechts­ver­kehr. Ein Relikt aus Zei­ten des Ex-Diktators Shu Maung, der seine Ent­schei­dun­gen gern in die Hände von Astro­lo­gen legte und so auf deren Rat den Links­ver­kehr von einen Tag auf den ande­ren auf rechts umstellte. Außer­dem nicht ver­ges­sen: Die Uhr eine halbe Stunde vor zu stel­len. Warum, weiß kein Mensch, aber zu viel sollte man in Tachi­lek sowieso nicht hin­ter­fra­gen. Schließ­lich wird hier immer noch mit thai­län­di­schen Baht bezahlt - aber eben nur man­che Hotel- und Essens­rech­nun­gen. Busse und Taxis sol­len aber dann doch lie­ber in der hei­mi­schen Wäh­rung Kyat bezahlt wer­den. Will man Flüge buchen, müs­sen US-Dollar her. Die gegen Kyat zu tau­schen, ist wie­derum auch nicht so ein­fach, wenn die Wech­sel­stube um 14 Uhr schließt.

Einer mei­ner Hotel­an­ge­stell­ten hat schließ­lich die Idee, sich Kyat „unter der Brü­cke an der Grenze” zu holen. Ich setze die­sen Vor­schlag auf mei­ner Prio­ri­tä­ten­liste ganz nach unten und gehe noch­mal durch die Stra­ßen, um nach einem Geld­au­to­ma­ten zu suchen. Am Markt werde ich von auf­dring­li­chen Stra­ßen­händ­lern begrüßt. Nach­dem ich meh­rere Stan­gen Ziga­ret­ten abge­lehnt habe, wer­den mir Viagra-Pillen schmack­haft gemacht. Ich bleibe stand­haft und igno­riere die schrei­en­den Män­ner. Dann finde ich sogar einen Geld­au­to­ma­ten, aus dem tat­säch­lich auch Kyat kommen.

Es soll­ten die letz­ten Momente für die nächs­ten drei Tage blei­ben, die ich mit einem Augen­zwin­kern hin­nehme. Es beginnt mit der Orga­ni­sa­tion der Wei­ter­fahrt nach Keng­tung am Fol­ge­tag. Alle Busse dort­hin sind von einer Stunde auf die andere plötz­lich aus­ge­bucht, Mini-Vans gibt es auch nicht mehr, die Hotel­an­ge­stell­ten sind hilf­los über­for­dert und das Per­so­nal der rei­se­füh­rer­ge­lob­ten MTT (Myan­mar Tra­vel & Tour) stellt sich quer und dumm, als ich nach einem „shared taxi” frage. Es fahre zwar eines, heißt es nach lan­gem Zögern, das sei aber bereits mit zwei Thai­län­dern besetzt. Zudem wolle der Fah­rer keine andere Per­son mehr mit­neh­men. Auf Nach­fra­gen gibt es dann ein­fach keine Ant­wort mehr. In der Bedräng­nis schweigt der Asiate wohl lieber.

Ich gehe noch­mal per­sön­lich an der Bus­sta­tion vor­bei. Dort fin­det sich nach nähe­rem Begut­ach­ten der unzäh­li­gen hand­ge­schrie­be­nen Trans­port­lis­ten doch noch ein Plätz­chen für mich. Im Mit­tel­gang auf einem aus­klapp­ba­ren Sitz.

Aus dem wird am nächs­ten Mor­gen sogar ein „Extra-Doppel-AA-Sitz”, der nicht ganz so krumm und schief daher­kommt wie die ande­ren Mit­tel­gang­plätze. Sechs Stun­den sitze ich auf den 170 Kilo­me­tern nach Keng­tung direkt neben dem Bus­fah­rer und freue mich dann doch, die rich­tige Ent­schei­dung getrof­fen zu haben. Mehr Bein­frei­heit hätte es auch auf den offi­zi­el­len Plät­zen nicht gegeben.

AA-Bussitz von Tachilek nach Kengtung
Bus nach Kengtung

Auf eine gute folgt eine schlechte Ent­schei­dung. Ich che­cke nach Ankunft in Keng­tung in „Harry’s Guest­house” ein und fühle mich sofort im fal­schen Film. Die Her­bergsfrau ent­puppt sich als lust­lose und kurz ange­bun­dene Erschei­nung und weiß auf alle Fra­gen nur eine Ant­wort: „Don’t know!” Das Essen in der Stadt hat auch nicht Gour­met­cha­rak­ter, Inter­net gibt es nicht und als am Abend um elf Uhr die Strom­ver­sor­gung ver­sagt, lege ich mein Buch zur Seite und schlafe schlecht gelaunt ein.

Den erhoff­ten Markt für das Früh­stück direkt vor der Haus­tür am Mor­gen scheint es auch nicht mehr zu geben und so ent­schließe ich mich, ein ande­res Zim­mer zu suchen. Das ein­zige ver­füg­bare Ange­bot: 30 Dol­lar pro Nacht. Ich sage trotz­dem Ja und Amen und habe nur noch ein Ziel vor Augen: Schnellst­mög­lich weg aus Keng­tung. Die Aus­sicht, in der Umge­bung zu ein­zig­ar­ti­gen Berg­völ­kern zu wan­dern - der Haupt­grund, warum man hier­her kommt - löst in mir keine Begeis­te­rung mehr aus, ist sie doch ver­bun­den mit einem wei­te­ren Tag in die­ser Stadt.

Das neue Hotel­per­so­nal bestä­tigt lei­der, dass Keng­tung End­sta­tion für Tou­ris­ten im Osten Myan­mars ist. Von hier gibt es nur noch die Mög­lich­keit, mit dem Flug­zeug wei­ter­zu­kom­men. Stra­ßen ins Lan­des­in­nere sind für Tou­ris­ten also immer noch gesperrt.  Das las­sen sich die Air­lines gut bezah­len. Ich lasse mir einen Flug nach Heho in Rich­tung Inle-See buchen - eine Stunde für 130 US-Dollar. Mit Zwei­feln im Gepäck ver­lasse ich am nächs­ten Mor­gen das Hotel. Hätte ich doch noch einen Ver­such wagen sol­len? Der Stadt eine zweite Chance geben sol­len? Mich nicht unter­krie­gen las­sen sol­len von schlecht gelaun­tem Per­so­nal und mie­sem Essen?

Ich bin mit der Mis­sion Keng­tung auf jeden Fall kra­chend gescheitert.

Über den Wolken von Kengtung nach Heho
Über den Wolken von Kengtung nach Heho

INFOR­MA­TIO­NEN UND TIPPS

- Das Visum muss (Stand April 2014) vorab bean­tragt wer­den. Inner­halb eines Tages etwa in Bang­kok mög­lich.
 
- Von Chang Mai / Thai­land fah­ren Busse direkt mit kur­zem Zwi­schen­stopp in Chiang Rai an die Grenze. Die Grenz­über­schrei­tung ist eine Brü­cke. Viele Rei­sende kom­men nur hier her um aus­zu­rei­sen und dann sofort wie­der ein­zu­rei­sen (visa run). D.h. sie neh­men den glei­chen Bus wie­der zurück. Alles vorab pro­blem­los zu buchen in Chiang Mai.
 
- Der erste (und mir ein­zig bekannte) Geld­au­to­mat befin­det sich rechts von der Brü­cke (etwa 100 bis 200 Meter) vor einer Bank.
 
- Von Keng­tung / Myan­mar ist (Stand April 2014) offi­zi­ell eine Wei­ter­reise ins Lan­des­in­nere nur mit dem Flug­zeug mög­lich. Wifi gibt es zwar, funk­tio­niert aber in der Regel nicht in den bil­li­ge­ren Unter­künf­ten (bis 30 Dol­lar pro Nacht).

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