Indonesien
November 21, 2014

Indo­n­esien: Was auf Sula­wesi anders war (2)

Teil 1

Drei Stun­den bevor ich Ran­te­pao mit dem Nacht­bus ver­lasse, erreicht mich eine Facebook-Nachricht von Joe. Ihn hatte ich zusam­men mit sei­ner Freun­din Chris­tina auf den Buna­ken ken­nen­ge­lernt. Die Zwei sind Rei­se­ver­rückte, immer nur zum Zwi­schen­stopp in Deutsch­land. Eine Stunde spä­ter sit­zen wir zusam­men in einem Restau­rant, nicht weit von mei­ner Unter­kunft. Mit dabei eine vier­köp­fige fran­zö­si­sche Fami­lie. Auch die hatte ich auf dem Weg immer wie­der getrof­fen. Die Zeit ist kurz, die Geschich­ten (zu) has­tig erzählt, dann muss ich los zum Bus.

Auf den Toge­ans kam mir die Idee. Warum das Visum nicht ein­fach noch­mal ver­län­gern, anstatt gehetzt die weni­gen ver­blei­ben­den Tage auf Flo­res (einer wei­tere Insel, öst­lich von Bali gele­gen) zu ver­brin­gen. Tat­ort Makas­sar. Die größte Stadt in Sula­wesi, im Süden. Kurz die Adresse der immi­gra­tion office notiert und los. Los zu einer rasan­ten Fahrt durch eine indo­ne­si­sche Groß­stadt. Halt, strei­chen wir das Wort rasant aus dem letz­ten Satz.

Immer bin ich wort­los an den war­ten­den Fahrrad-Rikschafahrern vor­bei­ge­lau­fen, jetzt will ich einem von ihnen ein paar Rupien ver­die­nen las­sen. Sind es doch nicht mehr als zwei Kilo­me­ter zum Amt. Mit nicht allzu schlech­tem Gewis­sen kann ich so mei­nen Chaf­feur schwit­zen las­sen auf den alten, äch­zen­den und ver­bo­ge­nen Rädern. Der Zufall fällt auf einen fast zahn­lo­sen, das deut­sche Ren­ten­al­ter hat er längst über­schrit­ten, kaum eng­lisch spre­chen­den Hart­ge­sot­te­nen. Er gibt vor, die Adresse zu ken­nen. Doch schon nach zehn Minu­ten fühle ich mich fehl auf mei­nem schma­len Platz. Zu Fuß wäre ich schnel­ler, kaum schafft der schwer schuf­ten­den Mann die gerings­ten Stei­gun­gen. Aber wir sind in Indo­ne­sien. Geduld ist die Lösung, aus dem Kar­ren sprin­gen nicht. Nach­dem ich eine Häu­ser­fas­sade das zweite Mal sehe, däm­mert es mir. Mein Rik­scha­mann hat nicht den blas­ses­ten Schim­mer, wo er hin muss. Er weiß das auch, doch zuge­ben will er es nicht. Unsere Kon­ver­sa­tion ist ohne­hin auf Hände und Füße beschränkt. Wir fra­gen Händ­ler nach dem Weg, die die Hände über dem Kopf zusam­men­schla­gen, als wir drei­ßig Minu­ten spä­ter an der­sel­ben Stelle wie­der auf­tau­chen.
Nor­ma­ler­weise wäre jetzt die ver­steckte Kamera zu sehen und Frank Els­t­ner direkt in meine Arme gelau­fen. Bei­des pas­sierte nicht. Mitt­ler­weile war ich zwei­mal aus­ge­stie­gen, wollte zu Fuß wei­ter oder – was ich doch mal ver­mei­den wollte, weil typisch Touri – das nächste Taxi anhal­ten. Da ver­sprühte mein (Anti)-Held plötz­lich doch noch den Fun­ken an Orts­kennt­nis und ich lies mich erneut erweichen.

Da fuhr sie dann wie­der, die deutsch-indonesische Schick­sals­ge­mein­schaft, durch das 35 Grad kochende Makas­sar. In Schritt­ge­schwin­dig­keit. Zwei Stun­den für zwei Kilo­me­ter nun schon. Wei­tere 30 Minu­ten spä­ter gibt der Unge­dopte auf. Viel­leicht will er auch nur Pause machen. Aber er fährt an den Stra­ßen­rand. Ich drü­cke ihm die ver­ein­barte Summe in die Hand, er deu­tet aber auf seine fünf aus­ge­streck­ten Fin­ger. 50 000 statt 15 000. Nein, keine Dis­kus­sion jetzt. Zu viel Schweiß ist geflos­sen. Zu viele Ner­ven gestor­ben. Ich gebe ihm den Schein, keine vier Euro. Er vesucht ein wei­te­res Mal, mich auf die Rik­scha zu über­re­den. Doch stark bleibe ich jetzt und rette ihn so vor dem Kol­laps, sehe ihm Hin­ter­grund einen blauen Mini­bus hal­ten (sowas wie der öffent­li­che Nah­ver­kehr) und will dort fra­gen. Mein Rad­ler lacht, har­pu­niert mich mit Sät­zen, die ich nicht ver­stehe. Ich nicke, lache mit, drü­cke ihm erneut die Hand, winke zum Abschied. Er zeit­lupt schließ­lich davon.

Der Fah­rer des Mini­bu­ses kannte die Adresse. Die rich­tige Adresse. Denn meine notierte war die Fal­sche. Zwi­schen falsch und rich­tig lagen 15 Kilo­me­ter. Noch am nächs­ten Tag wäre ich in der Rik­scha gesessen.

Nächs­ter Tat­ort: Wie­der Makas­sar. Das Ziel: Bira. Wäh­rend mein Visum ver­län­gert wird. Noch süd­li­cher gele­gen. Strand. Pal­men. Tau­chen. Tau­chen kann ich jetzt ja. Also hin. Zusam­men mit Chris­tina (die Bunaken-Bekanntschaft, geht auch gerne unter) warte ich auf einem Schot­ter­platz, der sich Bus­bahn­hof nennt, auf einen Wagen. Vom Hotel­per­so­nal wur­den wir gebrieft, nicht mehr als fünf Euro für das Sam­mel­taxi nach Bira zu zah­len. Schein­bar will heute aber kei­ner mit uns dort­hin. Nur ein Mäd­chen mit Kopf­tuch war­tet bereits im Auto, in dem Platz für Zehn ist. Das will ich nach einem Blick auf die enge Dop­pel­sitz­reihe nicht glau­ben, aber das ist so. Dass die Abfahrt dau­ern kann, nicht unnormal.

Nach und nach kom­men kleine, hagere Indo­ne­sier in luf­ti­gen Hem­den zu uns. Bie­ten uns an sofort los­zu­fah­ren, wenn wir denn bereit wären, die lee­ren Plätze zu bezah­len. Wir blei­ben sturr, das Auto steht im Schat­ten, die Moral ist noch gut. Vier­tel­stunde um Vier­tel­stunde ver­geht. Der Ver­hand­lungs­preis sinkt. Aber noch nicht so tief, dass wir zuschla­gen könn­ten. Immer noch keine wei­te­ren Mit­fah­rer in Sicht übri­gens. Frau in Kopf­tuch tippt auf ihrem Handy. Han­dys haben sie alle. Aber wir haben Zeit, und es ist erst Mit­tag und die vier­stün­dige Fahrt über­schau­bar. Dann der Deal, der sich aber fünf Minu­ten spä­ter als Fake her­aus­stellt, als der Fah­rer nun doch nicht – die auf dem Handy ein­ge­tippte – Summe akzep­tiert. Wie­der hin­set­zen also, wie­der war­ten. Wenn du was lernst in die­sem Land, dann das.

Chris­tina hat von einem grö­ße­ren Bus gehört, der auch nach Bira fährt. Will an ein Ticket­häus­chen und fra­gen. Prompt ist sie außer Sicht - die Befrei­ung. Unser Fah­rer will los. Für den nor­ma­len Preis. Auf ein­mal ? Jetzt? „Now“. Sofort? „Right now!“ Ich ver­stehe nicht warum, wehre mich aber nicht und hole Chris­tina zurück. Als wir ums Eck bie­gen ist das Sam­mel­taxi bereits vor­ge­fah­ren. Nur noch unser Gepäck fehlt. Und nur noch zwei Plätze sind frei. Die Karre ist voll mit Pas­sa­gie­ren. Über­voll. Von einer Minute auf die andere. Wie das? Ver­dutzt ist noch mil­dernd beschrie­ben, so schaue ich auf die Sitz­bänke.
Die Auf­lö­sung gleicht einer per­fekt insze­nier­ten Come­dy­show. Chris­tina hatte bei ihrem Kurzaus­flug gese­hen, wie eine sie­ben­köp­fige Gruppe an einer Mauer aus­harrte, sich just in dem Moment auf­machte, als der Fah­rer ihr ein Zei­chen gab und in unse­rem Sam­mel­taxi ver­schwand. So viel Geris­sen­heit muss sich einer erst­mal aus­den­ken. 150 Minu­ten war­ten, um die Geduld der zwei Wei­ßen auf die Probe zu stel­len. Nie wären wir, auch mit höhe­rem Beför­de­rungs­ent­geld, alleine nach Bira gefah­ren. Die Gruppe (die sich kannte, wie sich spä­ter her­aus­stellt) hätte sich in das gemie­tete Nest gesetzt und wäre für lau chauf­fiert wor­den. Die Nie­der­lage schmerzt aber nicht wirk­lich. Denn vor allem das Mäd­chen mit Kopf­tuch (warum musste sie eigent­lich, auch zur Gruppe gehö­rend, als ein­zige im Taxi war­ten?) scheint alles andere als amü­siert zu sein, den Mit­tag hier auf dem Schot­ter­platz ver­bracht zu haben. Gewieft, diese Indo­ne­sier, aber die Hin­hal­te­tak­tik die­ses Mal ohne Erfolg.

In Bira ange­kom­men lau­fen wir am Abend bei Ebbe noch etwas am Strand ent­lang. Plötz­lich höre ich mei­nen Namen aus der Ferne. Unver­kenn­bar, jemand ruft nach mir. Und tat­säch­lich. Ich erkenne Judith wie­der, eine Leh­re­rin aus Köln im Sab­bat­jahr, mit der ich bereits auf den Toge­ans etli­che Worte gewech­selt hatte. Wie es der Zufall will, haben wir uns auch das glei­che Hos­tel in Strand­nähe aus­ge­sucht. Unser Ziel für den nächs­ten Tag ist dis­kus­si­ons­un­wür­dig: Tauchen.

Es sind die ers­ten Haie, die ich in mei­ner noch jun­gen Tau­cher­lauf­bahn sehe. Schla­fend lie­gen sie zehn bis fünf­zehn Meter unter dem Mee­res­spie­gel auf dem san­di­gen Grund. Erst als sie unsere Gruppe bemer­ken, zie­hen sie davon. Kreu­zen in der Folge aber immer wie­der unse­ren Weg. Kein Gefühl von Weißer-Hai-Panik, kein Unbe­ha­gen ist spür­bar. Wenn hier über­haupt jemand Berüh­rungs­angst hat, dann ist es der Hai.

Am nächs­ten Tag kann Bira aber auch anders. Schrof­fer, unbe­re­chen­ba­rer und schmerz­haf­ter. Wir tau­chen im Quar­tett an einer Steil­wand ent­lang, bis die Strö­mung spür­bar zunimmt und nach oben drückt. Zusam­men blei­ben, auf Anwei­sun­gen des Tauch-Guide ach­ten und im Zwei­fel irgendwo fest­hal­ten ist in einem sol­chen Fall die Devise. Leich­ter gesagt als getan, gilt aber ebenso. Ich schred­dere bereits unge­wollt an den Koral­len ent­lang, alles Flos­sen­schla­gen bringt keine Meter, dann zieht es mich nach oben. Weg von den Kol­le­gen, mit gehö­ri­gem Schwung über die aus­lau­fende Wand hin­weg, ehe ich mich 40 Meter wei­ter an einer Koralle fest­kralle. Außer Sicht­weite vom Rest. Es ist meine erste der­ar­tige Erfah­rung mit star­ker Strö­mung. Aber keine gefähr­li­che, denn sie zieht mich ers­tens nicht nach unten und zwei­tens nicht hin­aus ins Blaue, ins offene Meer.
Immer habe ich mich gefragt, wie man das denn lernt, das Umge­hen mit Strö­mung. Mit­ten­drin bin ich, in der Ant­wort. Mein Mund­stück klebt in mei­nem Gesicht. Im Sekun­den­takt ver­bal­lere ich Sau­er­stoff. Horst Schläm­mer würde ein­deu­tig von Schnap­pat­mung spre­chen. Das Was­ser reißt förm­lich an mir, behan­delt mich wie ein Fremd­kör­per im Weg. Drei Minu­ten spä­ter schie­ßen meine zwei Tauch­part­ner samt Guide wie Welt­rau­ma­stro­nau­ten an mir vor­bei. Zeit, um los­zu­las­sen. Und um zehn Minu­ten spä­ter, noch immer ziem­lich außer Atem, wie­der nach rich­ti­ger Luft zu schnap­pen. Erst jetzt bemerke ich meine auf­ge­ris­se­nen Fin­ger­kup­pen. Ram­po­niert an der sta­che­li­gen Koralle von gerade eben. Tau­chen kann manch­mal auch ziem­lich schmerz­haft sein.



Rei­se­route durch Sula­wesi

Bis­her bereits erschienen:

Indo­ne­sien: Was auf Sula­wesi anders war (1)

Sumatra-Hoch nach Indonesien-Tief

Grenz­er­fah­rung am Mount Rinjani

Natur­spek­ta­kel und heroi­sche Duelle am Toba-See (Video)

Jakarta - Vor­ur­teil trifft Realität

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2 Comments

  • […] ist der Hafen in Makas­sar. Im Schlepp­tau zwei Hol­län­de­rin­nen, die wir in Bira im glei­chen Hos­tel getrof­fen hat­ten. Spon­tan haben sich die bei­den für die­sen Trip […]

  • […] Mul­ti­mil­lio­när: 150 000 Indo­né­si­sche Rupiah sind etwa zehn Euro. Gerüchte gin­gen um, dass auf den Toge­ans nur Bar­zah­lung mög­lich ist (mitt­ler­weile geht’s auch mit Kre­dit­karte). Der Tauch­schein würde über 300 Euro kos­ten. Jeder wei­tere Tauch­gang rund 25. Mit über acht Mil­lio­nen Rupiah ver­ließ ich also die Küste. Das Geldscheinbündel-Bild musste natür­lich an die Freunde ver­schickt wer­den. Aber erst nach­dem ich Kadi­diri ver­las­sen hatte. Zwar gibt es direkt unter dem Ter­as­sen­dach am Strand schwa­chen Mobil­funk­emp­fang. Ich aber ließ mein Handy acht Tage lang aus. Unver­gess­lich: Der feu­rigste Son­nen­un­ter­gangs mei­nes bis­he­ri­gen Lebens – auf den Toge­ans. Was­ser­schild­krö­ten, die sich direkt unter mir beim Schnor­cheln vom Fels lösen – auf den Buna­ken. Die ers­ten Riff­haie und hef­ti­gen Unter­was­ser­strö­mun­gen beim Tau­chen – in Bira. Die Visums­ver­län­ge­rung mit der Fahr­rad­rik­scha – in Makassar. […]

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