Indonesien
November 16, 2014

Indo­ne­sien: Was auf Sula­wesi anders war (1)


Kuala Lum­pur ist wie heim­kom­men. Nicht, dass ich die Stadt bei mei­nem ers­ten Besuch ins Herz geschlos­sen hätte. Genauso wenig ver­teufle ich sie. Nur funk­tio­niert heute ein­fach alles, nach­dem ich aus dem Flie­ger aus Banda Aceh aus­steige. Ein sel­te­nes Gefühl in Süd­ost­asien. Keine drei Minu­ten warte ich, dann sehe ich mei­nen Ruck­sack auf dem Band. Kenne den Ticket­schal­ter für den Bus in die Stadt. Ver­laufe mich nicht auf dem mit Wer­bung gepflas­ter­ten Weg nach drau­ßen. Steige ziel­si­cher in die Monorail-Bahn. Weiß wo ich aus­stei­gen muss. Ver­su­che es beim Hos­tel, in dem ich vor 70 Tagen war. Aus­ge­bucht. Doch kein Pro­blem, nicht heute. Gleich um die Ecke finde ich ein ande­res, das mir sym­pa­thisch ist. Ich schließe meine wich­ti­gen Sachen ein, lasse den Rest lie­gen, laufe ziel­ge­rich­tet die Straße run­ter. Zu mei­nem Inder. Sie­ben Stu­fen tie­fer als der Geh­weg gele­gen. Nichts hat sich geän­dert. Setze mich auf den glei­chen Stuhl wie damals. Der Fern­se­her hängt von der Decke und läuft. War er jemals aus, seit ich weg war? Ich bestelle. Tan­doori Chi­cken. Indi­sches Essen. Das ist Glück.

Zwei Früh­stü­cke und Abend­es­sen spä­ter sage ich mei­nem Inder ade. Mehr als geges­sen und gesurft habe ich nicht. Nicht sehr ori­gi­nell, aber not­wen­dig. Sucht­be­frie­di­gung. Nun aber war­tet wie­der Indo­ne­sien. Tschüss Malay­sia. Teil zwei. Sula­wesi. Ab nach Manado, über Jakarta, in den Nor­den. Auf die Buna­ken, die Taucherinsel.

Sechs­mal, ein sieb­tes Mal. Dann noch ein Angriff. Wie­der stre­cke ich ihm meine Flos­sen ent­ge­gen. Wie­der dreht er kurz vor­her ab. Und dann bin wohl raus, end­lich weg aus sei­nem Ter­ri­to­rium. Ganz schön außer Atem schwimme ich zurück zum Tau­cher­boot. Unsym­pa­thi­sche Zeit­ge­nos­sen, diese Trig­ger­fi­sche. Extrem-Schnorcheln auf den Buna­ken.

Schwim­men jemand zu nah über ein Nest mit Nach­wuchs eines Trig­ger­fi­sches, geht der zum Angriff über und ver­sucht, den ver­meint­li­chen Ein­dring­ling zu bei­ßen. Er klappt dabei eine Art Sta­chel über sei­ner Stirn wie den Abzug (trig­ger) eines Gewehrs nach oben. Ernst­hafte Ver­let­zun­gen gibt es meist nicht. Die Flos­sen der Atta­ckier­ten krie­gen ein paar Bisse ab. Keine hilf­rei­che Info aber, wenn ein meh­rere Kilo schwe­res Geschoss plötz­lich Ernst macht.

Vier­ein­halb Monate war ich nun unter­wegs. Thai­land, Myan­mar, Malay­sia, kurz Sin­ga­pur, dann Indo­ne­sien. Sel­ten reiste ich mit ande­ren, wenn dann nur kurz, oft zwei Tage, höchs­tens eine Woche. Mit Aus­nahme von Myan­mar. Dort war ich nur zehn Tage auf eigene Faust unter­wegs. Alles zufäl­lige Bege­ben­hei­ten. Ich suche nicht nach Beglei­tern, nein, eher das Gegen­teil ist der Fall, aber pas­siert es, wehre ich mich auch nicht dage­gen. In Sula­wesi aber war alles anders. Nur vier Tage sollte ich alleine unter­wegs sein.

Auf den Inseln ist es üblich, gemein­sam zu essen. So ein All-Inklusive-Ding. Nur ohne Pool (das ist das Meer) und affige Bespa­ßung (das ist das Tau­chen). Früh­stück, Mittag- und Abend­es­sen. Alle an einem gro­ßen Tisch, der über­häuft ist mit Tel­lern und Schüs­seln. Gefüllt wohl­ge­merkt. Der Fest­preis auf den Buna­ken für mich: Zehn Euro. Das Los dafür: Ein Zim­mer ohne Tür, nur mit einem win­d­an­fäl­li­gen Vor­hang. Das letzte, das es gibt, heißt es. Aus­ge­bucht. Die Ange­stell­ten hät­ten es extra frei­ge­räumt. Vor­sich­tig will ich der Zim­mer­zu­wei­se­rin klar­ma­chen, dass mir die Kom­bi­na­tion einer nicht vor­han­de­nen Tür und mei­nem nicht allzu bil­li­gem Hab und Gut (den wirk­li­chen Preis mei­nes Mac­books will ich ihr nicht ver­ra­ten) ein flaues Gefühl in der Magen­grube ver­schafft. Bestimmt werde ich abge­wie­sen. Die Aus­sicht auf tod­brin­gen­des Ruck­sack­schlep­pen über den Strand zur nächs­ten Unter­kunft lässt mich ein­sich­tig zurück. Mit dem Glau­ben an das Gute im Men­schen.

Aber zurück zum Essen. Kein Abson­dern, kein Schwei­gen ist die nächs­ten Tage ange­bracht. Kein Aus­wei­chen mög­lich. Nur die Knall­har­ten kom­men hier nicht ins Gespräch. Ich bin weich. Da ist das Päar­chen aus der Schweiz, das von ihren berau­schen­den Erfah­run­gen am Toba­see mit Magic Mushrooms erzählt. Ich hatte weni­ger Glück. Oder die Ame­ri­ka­ne­rin, die seit zwei Jah­ren unter­wegs ist, immer läs­sig im Stuhl hängt und bald nach Neu­see­land fliegt. Trotz Minus­gra­den drau­ßen über­nach­ten will. Oder Marta, aus Bar­ce­lona, die eine benei­dens­werte Gabe hat, mit ande­ren Men­schen in Kon­takt zu kom­men. Schein­bar spie­le­risch das Gespräch an sich reißt und einem mit woh­lig war­men Gefühl zurück­lässt. Nicht zu ver­ges­sen der klar struk­tu­rierte, beson­nene Däné, der jede Frage mit einem sekun­den­lan­gen Schwei­gen erwi­dert, ehe ein „Well,...“ folgt. Irgend­wie mochte ich ihn. Genau so wie Patrick und Julia, Ärzte, aus Frank­furt. Im Urlaub in Indo­ne­sien. Sym­pa­thisch auf den ers­ten Blick. Nach einem Tag füh­ren wir skurill-lustige Gesprä­che, die so nicht üblich sind unter Frem­den. Es wird geblö­delt und geal­bert wie schon Jahre lang. Dachte ich, dass ins­be­son­dere Paare ihren Urlaub lie­ber unter sich ver­brin­gen, beleh­ren mich die bei­den eines besseren.

Irgend­eine Geburts­tag­feier am Abend am Strand. Das Lager­feuer knis­tert in der Mitte, die Gitar­ren­spie­ler joh­len, Arak geht um. Der ein­hei­mi­sche Schnaps. Irgend­ei­ner hat immer Arak zur Hand, immer in Plas­tik­fla­schen abge­füllt. Test­nip­pen. Für gut befun­den. Bis auf den Abgang. Zum Spaß sage ich einer Schnaps­dros­sel, dass sie jetzt bit­te­schön alle drei Minu­ten mit der Fla­sche vor­bei­kom­men soll. Und mögen es nun stets wenige Momente frü­her oder spä­ter gewe­sen sein, Kol­lege Arak wan­dert ab nun tat­säch­lich alle drei Minu­ten erneut in mein Glas, immer wie­der sehe ich sie, die Fla­sche, im Lager­feu­er­schat­ten vor mir. Ein ver­rück­ter 70-Jähriger Aus­tra­lier tanzt wenig spä­ter, auch ordent­lich betankt, wie ein Urein­woh­ner durch den war­men Sand. Marta singt mit den Indo­ne­si­ern. Und wurde am Mor­gen, nicht wie abge­macht, um acht Uhr auf dem Tauch­boot gese­hen.

Manado – Goron­talo. Das sind zehn Stun­den mit dem Bus. Mini­bus. Mit uns, Patrick, Julia und mir, fünf andere Mit­strei­ter. Ein­hei­mi­sche. Plus ein bezahl­ter Platz für unser Gepäck. Das nicht in den küchen­schrank­gro­ßen Kof­fer­raum gepasst hat. Wie auch. Ich döse, wanke zwi­schen Halb­schlaf, Apa­thie und fata­lis­ti­schem Sar­kas­mus. Nach neun Stun­den wer­den die Indo­ne­sier ent­las­sen, meine Füße sind wei­ter gefan­gen. Die Stra­ßen sind ver­stopft. Irgend­ein Fest läuft. Laute Musik bal­lert aus Boxen, Men­schen sprin­gen von einer Seite zur ande­ren, Autos und Rol­ler zer­flie­ßen unzähl­bar in der Menge. Ein zähes Unter­fan­gen als Rei­sen­der in einer Blech­box. Dann pas­siert etwas Wun­der­ba­res. Purer Zufall. Gepaart mit Genia­li­tät. Eine Auto­ko­lonne pas­siert uns, mit Sire­nen­ge­heul der Poli­zei. „Hin­ter­her­fah­ren würd’ ich“, spa­ßen wir drei uns noch zu. Da macht er es tat­säch­lich. Unser Fah­rer. Das Genie. Hängt sich hin­ter das letzte Poli­zei­auto, nimmt die Ver­fol­gung auf und rast los. Vor­bei an den ste­hen­den Kar­ren in ers­ter Reihe und den im Stau ste­hen­den in der zwei­ten. Rote Ampeln sind kein Hin­der­nis mehr, so lange wir nur dicht genug hin­ter der Eskorte hän­gen. Und unser Fah­rer weiß, was er tut. Wir lachen über jedes pas­sierte Rot­licht, bis sie endet, die Ver­fol­gungs­jagd. Eine lebens­frohe, hei­tere, auf­we­ckende Stunde spä­ter. In Goron­talo. Der Hafen­stadt mit Fähr­an­schluss auf die Toge­ans. Der nächs­ten Taucherinsel.



Die Toge­ans lie­gen abge­schie­den. Neun Tage ver­brachte ich auf Kadi­diri, einer der weni­gen bewohn­ten Inseln. Ohne Handy- und Inter­net­emp­fang. Das beru­higt, zuge­ge­be­ner­ma­ßen. Allein schon die Gewiss­heit, kein Face­book, Spie­gel und Whats App aktua­li­sie­ren zu kön­nen, bricht das Ver­lan­gen danach schnel­ler. Die Zeit steht gewis­ser­ma­ßen still. Gut, um unter­zu­tau­chen (end­lich und fas­zi­nie­rend!), Bil­lard vor Pal­men­ku­lisse zu spie­len (Phy­sik war nie meine Stärke) und abends wie­der Arak (mit Zitro­nen­saft ein Traum) zu trin­ken. Schein­bar hatte wie­der ein­mal jeden Tag jemand Geburts­tag und so lie­ferte Ali (einer, der was zu sagen hat) täg­lich Nach­schub in Form von schnaps­ge­füll­ten Plas­tik­fla­schen. Patrick und Julia reis­ten nach vier Tagen ab. Muss­ten run­ter in den Süden. Dann zurück nach Deutsch­land. Konn­ten es sich nicht leis­ten, auf die Frage nach dem Abrei­se­da­tum „Mal gucken“ zu sagen. Es blieb der ein­zige trüb­same Moment auf den Toge­ans.

23 Uhr, irgendwo an einer pro­vi­so­ri­schen Bus­hal­te­stelle in Ampana. Erst zwei Stun­den vor­her habe ich mich ent­schie­den, doch schon in der Nacht wei­ter Rich­tung Süden zu fah­ren. Ins 500 Kilo­me­ter ent­fernte Ran­te­pao. Mit mir zwei Öste­rei­cher und ein Deut­scher. Ein Indo­ne­sier spricht uns an, par­liert einige erstaun­li­che deut­sche Sätze. Und gibt uns zu Den­ken. Zwei Buse gäbe es in die Region der Tor­aja: den guten Bus und den chi­cken bus. Wir, die keine Ahnung haben, weil über­stürzt gehan­delt, was wir da bezahlt haben, erwi­schen Los Num­mer zwei. Den chi­cken bus. Immer­hin ohne Hüh­ner und sons­tige ani­ma­li­schen Gefähr­ten. Dafür beglei­ten uns fünf­zehn Indo­ne­sier, Ersatz­rei­fen, Reis­sä­cke, Pakete, Pakete und noch mehr ama­teur­haft zusam­men­ge­schnürte Pakete. Unsere Rück­sä­cke wer­den aus Platz­grün­den aufs Dach geschnallt. Die Sitz­wahl gelingt mir for­mi­da­bel. Was sich für die Fahrt als meine Ret­tung her­aus­stel­len wird. Ganz hin­ten links, Dop­pel­sitz alleine, mit Option zum Aus­stre­cken der Beine auf die Reis­sä­cke.

Zwei Stun­den nach Abfahrt. Ein Park­platz. Wir ste­hen. Der Motor ist aus. Einige Indo­ne­sier stei­gen aus. Ich muss auch pin­keln. Beeile mich, um recht­zei­tig wie­der zurück zu sein. Doch anstatt den freien Asphalt in der Nacht auf den sonst ver­stopf­ten Stra­ßen zu nut­zen, legt der Fah­rer ein Nicker­chen ein. Mit ihm alle ein­hei­mi­schen Mit­strei­ter. Indo­ne­sien ist uner­gründ­lich. Mit­hilfe von meh­re­ren „sehr wirk­sa­men“ (O-Ton von Julian, dem Deut­schen) Rei­se­ta­blet­ten für einen Spott­preis aus dem Super­markt däm­mere auch ich in den Schlaf.

Einen hal­ben Tag spä­ter ist die Hoff­nung auf schnelle Ankunft längst gebro­chen. Die Berg­land­schaft fliegt rechts und links vor­bei. Nein, sie fliegt nicht, das wäre Bild­zei­tungs­ni­veau - über­trie­ben. Die Geschwin­dig­keit nie höher als 30 km/h. Die Indo­ne­sier ket­ten­rau­chen ent­schlos­sen vor mir, der Fah­rer legt wei­ter­hin unan­stän­dig lange Pau­sen ein, wenigs­tens aber habe ich mei­nen Platz. Den ich hero­isch ver­tei­dige, auch am Mit­tag, als sich einer, der bis­her auf den Paket­bur­gen hin­ter mir aus­harrte, immer näher an mich schiebt. Ich spiele den Doo­fen, ver­stehe nichts und rücke nicht nach links. Das ist ego­is­tisch, gar äußerst unfreund­lich, unan­stän­dig zudem, ver­schafft mir aber den über­le­bens­wich­ti­gen Vor­teil, den nächs­ten hal­ben Tag lie­gend über mich erge­hen zu las­sen. Nicht bequem, aber dank Billig-Tabletten und resi­gna­ti­vem Aus­har­ren kom­for­ta­bler als ein­ge­quetscht zwi­schen Fens­ter und Sitz­nach­bar.

Einen Rei­fen­wech­sel spä­ter und nach ins­ge­samt 26 Stun­den, zehn Stun­den spä­ter als pro­gnos­ti­ziert, errei­chen wir das Ziel. Oder, nunja, ein Ort, der dann doch noch zwei Stun­den vor dem gewünsch­ten Ziel liegt. Ein dunk­ler Park­platz, ein Uhr nachts, das Gepäck wird abge­la­den. Der Bus­fah­rer schüt­telt uns per­sön­lich die Hände. Grinst im fah­len Licht. Ich kann ihm in die­sem Moment nicht böse sein, wirk­lich nicht. Möge er noch viele Male genau dann eine Nicker­chen machen, wenn er es für rich­tig hält. Dann rat­tert der Bus wei­ter, nun ohne die vier Euro­päer. Die Roller- und Taxi­fah­rer um die Ecke rie­chen uns längst, wit­tern ihre Chance, erwa­chen aus ihrer Lethar­gie und prä­sen­tie­ren erste (teure) Trans­fer­mög­lich­kei­ten nach Ran­te­pao. Da fährt, unfass­bar, aber genau so ist es, in die­sem Moment ein Rei­se­bus die Haupt­straße ent­lang. Mit­ten in der Nacht, sieht uns vier Ruck­sack­be­packte und hält 200 Meter wei­ter. Der Fah­rer ruft mehr­fach Ran­te­pao, ja, unser Ziel, und lädt uns für einen um diese Uhr­zeit ange­mes­se­nen Preis Minu­ten spä­ter ein. Wie­der uner­gründ­li­ches, aber immer zum Ziel füh­ren­des Südostasien.

Rei­se­route durch Sula­wesi

Bis­her bereits erschienen:

Sumatra-Hoch nach Indonesien-Tief

Grenz­er­fah­rung am Mount Rinjani

Natur­spek­ta­kel und heroi­sche Duelle am Toba-See (Video)

Jakarta - Vor­ur­teil trifft Realität

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