Malaysia
Februar 8, 2015

Kreuz und Quer - Geschich­ten vom Rei­sen (2)

MYAN­MAR

Tachi­lek hielt wei­tere Hür­den parat. Nach der holp­ri­gen Geld­be­schaf­fung stand die Suche nach einer Trans­port­mög­lich­keit ins Lan­des­in­nere an. Die unsi­che­ren Hotelfrauen- und Män­ner blie­ben bemüht, doch die Situa­tion uferte ins Aus­sicht­lose aus, als die Dame hin­ter der Rezep­tion auch nach 30 Minu­ten par­tout nicht raus­fin­den konnte, ob denn mor­gen früh ein Mini­bus fah­ren würde oder nicht.

Auf einer Inter­net­seite hatte ich gele­sen, dass manch­mal Sam­mel­ta­xis am Grenz­über­gang orga­ni­siert wer­den. Zurück zur Brü­cke also. Zu den bur­me­si­schen Beam­ten, die ich zu Details fra­gen wollte. Doch auch hier schlug die Sprach­bar­riere zu. Statt­des­sen hat­ten die uni­for­mier­ten Män­ner wenig spä­ter mei­nen Pass in der Hand und woll­ten ihm einen Aus­rei­ses­tem­pel ver­pas­sen. Dabei war ich doch erst seit zwei Stun­den hier. Erfolg­reich ver­hin­derte ich das Kom­plett­di­sas­ter. Zog ab und ver­suchte es auf der gegen­über­lie­gen­den Brück­en­seite. Bei den ande­ren Offi­zi­el­len, die nur für die Ein­reise nach Myan­mar zustän­dig waren. Zweck­los. Zwar gab es wohl sowas wie ein Taxi, auch bereits zwei indi­sche Mit­fah­rer, doch die woll­ten anschein­dend das Auto nicht mit mir tei­len. So zumin­dest die offi­zi­elle Begrün­dung. Wenn ich sie denn rich­tig ver­stand.

Zurück im Hotel hatte der schmale Kerl, der mit mir unter der Brü­cke Geld wech­seln wollte, eine neue Idee. Wie­der eilte er mit mir her­aus, wie­der fuh­ren wir zusam­men durch die Stra­ßen von Tachi­lek. Die­ses­mal zu einem Beton­platz mit klei­nem Ter­mi­nal. Der Bus­bahn­hof. Com­pu­ter oder auch nur ein Fun­ken von Moderne waren hier Fehl­an­zeige. Die Pas­sa­gier­lis­ten bestan­den aus hand­be­schrie­be­nen DIN-A-4-Blättern. Dem­ent­spre­chend groß war das Chaos und lange nicht klar, ob denn noch ein Platz nach Keng­tung frei war.

Nach end­lo­sem Lächeln durfte ich Pro­be­sit­zen, im Bus um die Ecke. Es war ein wirk­lich häss­li­cher Platz. Ein aus­klapp­ba­rer Sitz in der Gang­mitte mit einer nur zwan­zig Zen­ti­me­ter lan­gen Lehne. Wollte einer aus dem Bus aus­stei­gen, müsste auch ich immer auf­ste­hen. Trotz vol­ler Zwei­fel ob der sechstün­di­gen Fahrt am nächs­ten Tag nahm ich den Platz. 18 Stun­den spä­ter sollte sich das als glück­li­che Ent­schei­dung her­aus­stel­len, denn mein reser­vier­ter Platz war plötz­lich doch nicht mehr frei. Ich aber durfte mich schräg gegen­über dem Bus­fah­rer ein­quar­tie­ren. Auch auf einem Klapp­sitz, der aber eine hohe Rücken­lehne hatte und fast schon kom­for­ta­bel war.

Auf dem Rück­weg vom Bus­ter­mi­nal beka­men mein jun­ger Fah­rer und ich die volle Wucht von Thin­gyan zu spü­ren. Dem Was­ser­fest, das die Bur­me­sen jedes Jahr um diese Zeit fei­ern, ähn­lich dem Song­kran im benach­bar­ten Thai­land.
Die Idee, ver­ein­facht dar­ge­stellt: Man beträu­felt sich mit Was­ser, um die Sün­den, also das Böse und Schlechte rein­zu­wa­schen und sor­gen­frei ins neue Jahr zu star­ten (das hier im April beginnt). Mitt­ler­weile arten die einst har­mo­ni­schen Zere­mo­nien aber in lan­des­weite und tage­lange Was­ser­schlach­ten aus. Und so waren wir eben die Sün­den, wur­den mit Kübeln vol­ler Was­ser beschmis­sen und erreich­ten wie begos­sene Pudel das Hotel. Immer­hin noch mit dem Busti­cket im trie­fen­den Geldbeutel.

MALAY­SIA

Es ist die Geschichte eines Fans, der auch in Asien, in den Ber­gen von Malay­sia, zumin­dest nicht auf einen fuß­bal­le­ri­schen Höhe­punkt am Ende der Sai­son ver­zich­ten wollte. Auf das deut­sche Pokal­fi­nale zwi­schen Bay­ern Mün­chen und Borus­sia Dort­mund. Knapp war Stutt­gart, mein eigent­li­cher Ver­ein, vor Tagen dem Abstieg aus der ers­ten Liga ent­gan­gen, nun soll­ten also wenigs­tens die Bay­ern nicht den nächs­ten Titel einheimsen.

Ich befand mich in den Came­ron High­lands, einem Hoch­land in Zen­tral­ma­lay­sia. Umge­ben von tief­grü­nen Tee­plan­ta­gen und bekannt für Erd­bee­ren – in allen Varia­tio­nen. Ich aber hatte für den Abend nur eines im Sinn: Fuß­ball­gu­cken. Ein indi­sches Restau­rant an vor­ders­ter Front der 300 Meter lan­gen Haupt­straße tat mir bereits den Gefal­len, das eng­li­sche Pokal­fi­nale zu über­tra­gen. Orts­zeit Mit­ter­nacht. Ange­kün­digt auf einer Krei­de­ta­fel am Eingang.

Nach­dem ich einen Mit­ar­bei­ter dar­auf hin­wies, dass im Anschluss auch ein deut­sches Final­spiel anstünde, war dort zehn Minu­ten spä­ter auch „Bay­ern - Dort­mund“ zu lesen. Alles war also ange­rich­tet. Kurz vor Mit­ter­nacht war das Restau­rant gut gefühlt. Die Ein­hei­mi­schen lie­ben eng­li­schen Fuß­ball. Beson­ders Arse­nal Lon­don. Die waren nach nur weni­gen Minu­ten gegen den Außen­sei­ter in Rück­stand gera­ten. Ich saß noch rela­tiv emo­ti­ons­los vor mei­nem Tee Masala.

Zu mei­nem Unglück ging die Par­tie in die Ver­län­ge­rung. Längst war es also schon nach zwei Uhr, das deut­sche Finale lief bereits. Arse­nal gewann doch noch, die rund 30 Anwe­sen­den fei­er­ten das laut­stark, ver­lie­ßen aber in der Folge geschlos­sen das Lokal. Ich saß nun alleine da und musste höf­lich fra­gen, doch bitte auf den ande­ren Kanal umzu­schal­ten. Böses schwante mir bereits. Noch düs­te­rer sah es für mich aus, als in Minute 40 erste Stühle auf den Tisch gestellt wur­den. Ich würde das Ende des Spiels nie­mals erle­ben. So kam es. „We are just humans, we have to sleep“, war der letzte Satz des Chefs, ehe der Fern­se­her aus­ging. Fast schon pat­zig ver­lies ich den Raum, inner­lich auf­ge­kratzt. Es macht kei­nen Sinn, ein Fuß­ball­spiel nur 45 Minu­ten zu sehen. Vor allem nicht, wenn es die erste Drei­vier­tel­stunde ist. Zer­knirscht rannte ich in der Halb­zeit­pause zu mei­nem Hos­tel. Mit wenig Hoffnung.

Zwar hatte meine Unter­kunft Wi-Fi, aber das stellte sich bis­lang als äußerst lang­sam her­aus. Den­noch setzte ich mich auf die Ter­asse, denn nur dort gab es Emp­fang, und suchte. Und warum auch immer, es klappte. Tief in der Nacht war die Ver­bin­dung plötz­lich so schnell, dass ich kurz dar­auf Män­ner beim Fuß­ball­spie­len sah. Ich lauschte tat­säch­lich den Wor­ten von Bela Rethy. Eigent­lich war er doch der letzte Grund, um drei Stun­den nach Mit­ter­nacht in den kal­ten Ber­gen von Malay­sia vor einem halb­le­ga­len Inter­net­stream zu sit­zen. Dort­mund ver­lor 0:2 nach 120 Minu­ten. Ich ging genau so zer­knirscht ins Bett, wie ich es schon nach den ers­ten 45 Minu­ten beim Inder gewe­sen war.

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