Reiseberichte
April 7, 2014

Mae Hong Son Loop - Von Nicht-Sicht, Abzo­cke und Zwei­fel (1)

Unterwegs in Nordthailand

Die Ver­käu­fe­rin des Motorrad-Verleihs blickt skep­tisch zu mir auf und meint: „Too dan­ge­rous for you, too dan­ge­rous”. Lang­sam däm­mert es mir auch, dass sie damit Recht haben könnte. Denn gerade eben habe ich die fünf­mi­nü­tige Pro­be­fahrt mit einer 250ccm-Motocross-Maschine hin­ter mich gebracht. Oder bes­ser gesagt: Über­stan­den - unfall­frei ja, über respek­ta­ble 300 Meter wohl­ge­merkt, aber eben mehr im Rol­len als im Fah­ren. Das Fazit mei­ner kur­zen Motocross-Karriere: Manu­ell schal­ten und kup­peln über­lasse ich lie­ber ande­ren.
Die 623 Kilo­me­ter, die ich den nächs­ten vier Tagen auf dem Mae Hong Son Loop durch Nord­west­hai­land zurück­le­gen werde, lässt statt­des­sen ein Automatik-Scooter über sich ergehen.

Ich glaub, ich bin kein Hippie

Bes­ser als erwar­tet zieht der dann die kur­vi­gen und stei­len Gebirgs­stra­ßen hin­auf zu mei­nem ers­ten Tages­ziel, dem klei­nen Ört­chen Pai. In Gesprä­chen mit ande­ren Rei­sen­den über Nordthai­land fällt frü­her oder spä­ter immer die­ser Name. Backpacker-Hochburg soll es sein, traum­haft in einem Gebirgs­tal lie­gen und ein Hauch von Hippie-Idylle behal­ten haben. Der Weg dort­hin führt über unzäh­lige Auf- und Abstiege und minüt­lich wech­selnde Straßenbeläge.

Aufstieg nach Pai

Freue ich mich im einen Moment über nahezu frisch geteerte Auto­bahn­ab­schnitte, lau­ert hin­ter der nächs­ten Ecke von ton­nen­schwe­ren Pick-Up-Wagen zer­fetz­ter Asphalt. Immer wie­der halte ich an, ver­su­che mich von der Hitze zu erho­len und suche nach geeig­ne­ten Aus­sichts­punk­ten. Die­ses Vor­ha­ben gestal­tet sich in Nordthai­land im April aber denk­bar schwie­rig. Denn wenn die Thais eines zu die­ser Zeit kön­nen, dann ist es wochen­lang Fel­der und Wäl­der abzu­bren­nen, bis die ohne­hin schon die­sige Luft sein Finale in einer undurch­dring­ba­ren wei­ßen Nebel­wand findet.

Abbrennende Felder Keine Weitsicht in Nordthailand

Sehe ich in den ers­ten Stun­den noch über die­sen Aspekt hin­weg, drückt der Rauch und die Nicht-Sicht schließ­lich doch arg auf die Laune. Etwas genervt errei­che ich nach 130 Kilo­me­tern Pai. Nach­dem ich die Hand­voll Stra­ßen im Ort abge­klap­pert habe, guckt mich eine ältere Dame am Stra­ßen­rand erwar­tungs­voll an und bie­tet mir ein Zim­mer an. Für 200 Baht (4,50 Euro) quar­tiere ich mich in der Nähe eines klei­nen Flus­ses ein.

In einem Restau­rant esse ich eine Suppe mit lus­ti­gem Namen, stelle fest, dass sie lus­ti­ger klingt als schmeckt und beob­achte danach eine Situa­tion, die ich in drei Wochen Thai­land bereits mehr­fach befremd­lich fand. Zwei Deut­sche, Mitte vier­zig, set­zen sich an den Tisch gegen­über. Im Schlepp­tau zwei deut­lich jün­gere Thai-Frauen. Die Män­ner bestel­len Bier, die Frauen Was­ser. Die Män­ner reden nur unter sich, die bei­den Thais eben­falls. Mit­ein­an­der spre­chen die Pär­chen in zwan­zig Minu­ten kein ein­zi­ges Mal. Man mag mir feh­lende Tole­ranz unter­stel­len. Viel­leicht ver­stehe ich auch noch viel zu wenig von dem, was hier in Thai­land pas­siert. Gut fin­den und erklä­ren kann ich diese Kon­stel­la­tion fünf Meter vor mir auf jeden Fall nicht. Das Essen wird schließ­lich gebracht. Die Deut­schen haben sich Steak mit Pom­mes bestellt. Ich gehe.

Tat­toos und Dre­ad­locks bestim­men das Bild von Pai, als ich abends noch eine kurze Runde durch den Ort laufe. Naja, und viele Men­schen sind - wie sagt man so schön - alter­na­tiv geklei­det. Respekt­voll, tole­rant, open-minded, also ein­fach offen für alles sollte man als Back­pa­cker doch sein - rich­tig wohl fühle ich mich hier trotz­dem nicht. Das Kli­schee vom klei­nen Hippie-Idyll scheint nicht ganz abwe­gig zu sein. Das sind nur erste Ein­drü­cke, ohne genauer dar­auf geschaut zu haben. Ohne län­ger in Pai gewe­sen zu sein. Ich glaube aber, dass ich ein­fach kein Hip­pie bin.

Lonely-Planet-Falle im wirk­li­chen Leben

Von Pai geht es am nächs­ten Mor­gen nach Mae Hong Son, dem Namens­ge­ber des Rund­kur­ses. Auf dem Weg dort­hin liegt auf Höhe des Dor­fes Sop­pong die Tham Lot, eine 8,5 Kilo­me­ter lange Höhle, die zu den größ­ten Höh­len­zü­gen welt­weit gezählt wird. Durch­zo­gen von unter­ir­di­schen Was­ser­läu­fen und Seen gibt es hier auch außer­ge­wöhn­li­che Tiere wie den augen­lo­sen, in stock­dunk­len Höh­len leben­den Fisch. Der kann sogar Was­ser­fälle hin­auf­klet­tern und kommt auf der Welt nur in zwei Höh­len vor. Die­ses skur­rile Etwas bekomme ich zwar nicht zu Gesicht, dafür schwimme ich aber mit mei­nem ein­hei­mi­schen Guide aus der Shan-Bevölkerung auf Bam­bus­flö­ßen durch die seich­ten Fluss­läufe, klet­tere steile Holz­stu­fen an den Fels­wän­den hoch und laufe durch das fle­der­maus­kot­be­deckte Höhlenlabyrinth.

Auf dem ober­ir­di­schen Rück­weg stoppt mein Guide dann plötz­lich ganz abrupt. Ich sehe auf dem laub­be­deck­ten Pfad nur noch die Kon­tur einer viel­leicht fünf­zig Zen­ti­me­ter lan­gen Schlange ver­schwin­den. Will­kom­men im „real life”, denke ich mir und beob­achte den Weges­rand ab sofort noch genauer.

Eingang in die Tham Lot Einheimische Führer auf Bambusflößen

Die Stre­cke nach Mae Hong Son ver­läuft weni­ger spek­ta­ku­lär als tags zuvor. Trotz­dem geht die Fahrt über meh­rere Berg­pässe und Kon­troll­punkte, die der ein­hei­mi­schen Poli­zei ihre Daseins­be­rech­ti­gung ver­lei­hen. Die Weit­sicht ist erneut mäßig, die rie­sige Dschun­gel­land­schaft in der Ferne kaum zu erken­nen. In Mae Hong Son finde ich nach län­ge­rer Suche ein bil­li­ges Zim­mer in See­nähe.
Was dann folgt ist Teil eins der Lonely-Planet-Falle, in die ich voll hin­ein­tappe. Ich will mir die Mühe spa­ren, nach einer geeig­ne­ten Essens­mög­lich­keit zu suchen und steuere ohne Umwege das im Rei­se­füh­rer emp­foh­lene Restau­rant an. „Der Ser­vice ist pro­fes­sio­nell, das Essen gut”, heißt es da. Ich kriege erst auf Nach­frage die Spei­se­karte, bestelle dann eine Suppe mit Hühn­chen und loka­len Kräu­tern und frage mich schließ­lich, wo genau jetzt das Hühn­chen in mei­ner Suppe sein soll. Ich schaue vor­wurfs­voll auf knor­pe­lige Fleisch­reste und stelle fest, dass es offen­sicht­lich auch nur ein loka­les Gewürz gibt. Bil­lig ist der ganze Spaß natür­lich auch nicht. Um eine Erfah­rung rei­cher stelle ich fest: Der Stra­ßen­stand um die Ecke wäre die rich­tige Wahl gewesen.

Teil 2 folgt, darin:

Warum ich kurz­fris­tig meine Route ändere, abge­zockt werde, der Weg zum drit­ten Etap­pen­ziel ein­fach nicht enden will und nach 70 Kilo­me­tern ohne Stra­ßen­schild Zwei­fel am eige­nen Ver­stand aufkommen.

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1 Comment

  • […] geht’s dann doch nicht. Im übersichtlich-sympathischen Chiang Mai war ich schon mal im März – für fast zwei Wochen. Das sagt vie­les. Und wenn das Hin und Her im Kopf lang­sam ner­vig wird, muss sich eben […]

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