Reiseberichte
April 9, 2014

Mae Hong Son Loop - Von Nicht-Sicht, Abzo­cke und Zwei­fel (2)

Teil 1: Was bis­her geschah


Natio­nal­park mit einem Besucher

Es gibt gute Tage und schlechte Tage. Und es gibt Tage, die lie­gen irgendwo dazwi­schen. Mein drit­ter Tag auf dem Mae Hong Son Loop war so einer.

Ich ändere meine Route kurz­fris­tig und fahre nun doch nicht in den Süden nach Mae Sari­eng, son­dern will bereits vor­her Rich­tung Osten abbie­gen und in Mae Chaem die Nacht ver­brin­gen. Die Stre­cke nach Mae Sari­eng schien mir nach unzäh­li­gen Google-Maps-Analysen sehr weit und mein Rol­ler dafür zu antriebs­schwach, um einen gemüt­li­chen Tag zu absol­vie­ren. Außer­dem nehme ich mir vor, am Mae-Surin-Wasserfall meine Mit­tags­pause zu absol­vie­ren. Gar­kü­chen, schat­tige Plätz­chen und Ein­hei­mi­sche, die vor den Was­ser­mas­sen posie­ren, gibt es da zahl­reich - hat mir das Inter­net verraten.

Gut gelaunt ver­bringe ich die ers­ten zwei Stun­den auf mei­nem Zwei­rad. Ich fahre durch Dör­fer, die aus nicht mehr als schrä­gen Holz­hüt­ten, schla­fen­den Hun­den und rotem Sand beste­hen. Zum ers­ten Mal auf mei­nem Trip win­ken mir Ein­hei­mi­sche zu, als ich ihre Hei­mat pas­siere. Schmale und stau­bige Straßen wei­ten sich urplötz­lich, gehen in per­fekt asphal­tier­ten Boden über und geben mir die Mög­lich­keit, so lange Gas zu geben, bis die Tacho­na­del bei 100 Stun­den­ki­lo­me­tern zu zit­tern beginnt.

Ich ver­lasse die Haupt­straße und biege in Rich­tung Mae-Surin-Wasserfall ab. Schnell geht es steil in die Höhe. Erst­mals seit zwei Tagen ver­spüre ich wie­der so etwas wie Abküh­lung wäh­rend des Fah­rens. Der Dschun­gel lich­tet sich, fla­che Sträu­cher prä­gen nun das Land­schafts­bild. Ich sehe ver­las­sene Markt­stände, leer­ste­hende Gäs­te­häu­ser und Hüt­ten und begegne auf den nächs­ten 25 Kilo­me­tern nicht einer Person.

Nach­dem es auf über 1200 Metern auf dem Rol­ler mit T-Shirt, kur­zer Hose und Flip-Flops emp­find­lich kalt wird, freue ich mich doch tat­säch­lich wie­der, als es abwärts Rich­tung Dschun­gel und Wärme geht. Die Gesamt­si­tua­tion kommt mir mitt­ler­weile immer komi­scher vor. Zwei Rol­lern, einem Truck und kei­nem Tou­ris­ten bin ich bis­her begeg­net. Und dann stehe ich da, vor der halb her­un­ter­ge­las­se­nen Schranke mit dem Hin­weis „Mae Surin Water­fall”.
Zöger­lich fahre ich durch die schmale Öff­nung und parke. Drei Thai­län­der kom­men auf mich zu. Wo den der Was­ser­fall sei, frage ich. 500 Meter wei­ter, kriege ich als Ant­wort. Ob ich da hin­fah­ren könne? Kein Pro­blem, heißt es. Aber vor­her müsste ich noch ein „ticket”, also ein „ticket” für „water­fall” und „Natio­nal Park” bezah­len. 200 Baht.

Ich hätte jetzt anfan­gen kön­nen zu dis­ku­tie­ren. Aber was sagt man in so einer Situa­tion? Née du, lie­ber Thai, von einem Ein­tritts­preis habe ich im Rei­se­füh­rer nichts gele­sen. Heute ohne, nicht? Und über­haupt: Wo sind eigent­lich die gan­zen ande­ren Leute, die so gerne hier­her­kom­men sol­len? Das machst du nicht.
Und da mein Thai dürf­tig und die Hoff­nung auf ein Nationalpark-Paradies hin­ter der nächs­ten Bie­gung noch da ist, bezahle ich. Mit einem 500-Baht-Schein. Ich kriege einen kru­den Stem­pel auf einen Zet­tel, aber kein Wech­sel­geld. Das muss erst noch geholt wer­den. Thai A schickt dafür Thai B mit dem Rol­ler ins Nir­gendwo. Thai B kommt nach fünf Minu­ten zurück, drückt mir 300 Baht in die Hand, grinst und geht zurück zu Thai A und C.
Hier war den gan­zen Tag noch kein ein­zi­ger zah­len­der Kunde, wette ich mit mir selbst.

Mae Surin Waterfall

Das Para­dies kommt auch nach 500 Metern nicht. Auch keine Gar­kü­chen, schat­ti­gen Plätz­chen oder posie­ren­den Ein­hei­mi­schen. Dafür aber immer­hin ein Was­ser­fall. In siche­rer Ent­fer­nung und durch eine rie­sige Schlucht von mei­nem Stand­ort getrennt. Aber immer­hin, ein Was­ser­fall. Ein gro­ßer Was­ser­fall sogar. Eine Aus­sichts­platt­form gibt es gra­tis dazu. Ich esse mein süßes Notfall-Hörnchen vom 7/11-Supermarkt und mache mich schließ­lich auf den Rück­weg. 25 Kilo­me­ter. Ohne Gegenverkehr.

Tou­ris­mus, wo bist du?

Das Grün des Dschun­gels wird inten­si­ver, als ich nach Osten Rich­tung Mae Chaem abbiege. Weit und breit ist nichts zu sehen außer Dschun­gel. Die Umge­bung ist unwirk­lich. Es gibt hier keine abge­brann­ten Wäl­der und brau­nen Schnei­sen mehr. Die Weit­sicht ist fast schon gut. Endlich.

Mitten im Nichts

Eine gute Stunde fahre ich durch eine gemalte Land­schaft. Bis ich bemerke, dass seit gerau­mer Zeit kein Stra­ßen­schild mehr zu sehen war. Noch wenig beun­ru­higt glaube ich an meine Navi­ga­ti­ons­künste, schließ­lich gibt es hier doch nur eine große Haupt­straße. Nach­dem auch nach wei­te­ren 30 Kilo­me­tern kein Zei­chen von Zivi­li­sa­tion zu erken­nen ist, fange ich an, an mei­nem eige­nen Ver­stand zu zwei­feln. Habe ich nicht doch eine Abzwei­gung verpasst?

Es ist para­dox: Träu­men viele Back­pa­cker nicht immer davon, in der Abge­schie­den­heit und fern jeg­li­cher Tou­ris­ten­ströme zu rei­sen? Ich befinde mich - zumin­dest fühle ich das gerade so - in genau einer sol­chen Situa­tion, hätte im Moment aber nichts dage­gen, auch mal wie­der eine Kilo­me­ter­an­gabe, ein Dorf oder einen Auto­kon­voi zu sehen. Die gut aus­ge­baute Straße endet schließ­lich auch noch. Ich beginne, Kur­ven in Kur­ven zu fah­ren. Die Zeit der Schlag­lö­cher beginnt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die kal­ku­lier­ten 120 Kilo­me­ter für den Tag sind längst vor­bei. Die Bal­ken mei­ner Spri­t­an­zeige wer­den immer weni­ger. Ich krie­che über eine braune Schot­ter­piste, als der Wind stär­ker wird und erste Regen­trop­fen ein­set­zen. Ich beschließe, keine Fotos mehr zu machen und schnellst­mög­lich das Weite zu suchen. Kurz dar­auf sehe ich aber end­lich wie­der zwei Stra­ßen­schil­der vor mir. Lei­der bekomme ich die Orts­na­men mit mei­nem Etap­pen­ziel nicht in Ein­klang. Per­fek­ter kann man ein Dreh­buch nicht schreiben.

Mein unge­schick­tes Han­tie­ren mit der Land­karte ruft schließ­lich zwei ein­hei­mi­sche Rol­ler­fah­rer auf den Plan, die mir den Weg wei­sen. Zwei Mal wie­der­holt sich die­ses Pro­ze­dere in der nächs­ten Stunde. Feh­lende Hilfs­be­reit­schaft ist hier Fehl­an­zeige. Das befürch­tete Gewit­ter bleibt auch aus und als ich den Namen Mae Chaem am Stra­ßen­rand lese, fahre ich doch etwas beru­hig­ter Rich­tung Son­nen­un­ter­gang. Ich errei­che mein Tages­ziel gegen 17:30 Uhr mit dem letz­ten schma­len Bal­ken auf der Spritanzeige.

Alles doch gar kein Pro­blem. Eigentlich.

Teil 3 folgt, darin:

Här­te­test am vier­ten und letz­ten Tag: Wie sich mein Früh­stück noch vor dem Mit­tag ver­ab­schie­det und der Rück­weg nach Chiang Mai zur ech­ten Qual wird.

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