Neuseeland
Oktober 21, 2014

Mein Neu­see­land (1 - 6)


1

Meine Campervan-Reise durch Neu­see­land beginnt eine Stunde nach Mit­ter­nacht auf der Straße vor dem Depot mei­ner Miet­wa­gen­firma (Space­ships). 5 Grad Cel­sius. Immer­hin über Null. Da steht er, Krissy, mein Cam­per­van für die nächs­ten zehn Wochen. Die Schlüs­sel lie­gen im Safe, ich habe den Code und zehn Minu­ten spä­ter will ich los, zu einer kur­zen Test­fahrt. Zu wach, zu neu alles. An Schlaf nicht zu den­ken. Ich fahre zum ers­ten Mal mit Auto­ma­tik – und das merkt man. Denn ich fahre nicht. Was soll die­ser Hebel da? Nie gese­hen. Ach ja, der Blin­ker ist der Schei­ben­wi­scher. Grinse. Fühle mich ertappt. Die Geschichte hatte ich schon mehr­fach gehört. Und wo ist eigent­lich die Hand­bremse? Zehn Minu­ten spä­ter stehe ich wie­der am Aus­gangs­platz. Kann froh sein, dass hier weit und breit keine Men­schen­seele ist. Längst hätte sonst jemand die Poli­zei gerufen.

2

“Jeder Idiot kann die Dinge kom­pli­ziert machen. Das Geniale ist es, sie zu ver­ein­fa­chen.” Sagte Goe­the. Und darum kaufe ich mir am nächs­ten Tag einen Uni­ver­sa­l­ad­ap­ter, der über den Ziga­ret­ten­an­zün­der jeg­li­chen (mei­nen) elek­tro­ni­schen Schnick-Schnack lädt. “Lei­der geil.” Sagte Deichkind.

3

Ich erkore Aka­roa als ers­tes Ziel aus. Öst­li­cher an der Ost­küste der Süd­in­sel geht es nicht. Test­lauf. Für alles. Zum Bei­spiel: Tan­ken. Bekomme den Deckel nicht auf. Stehe pein­lich berührt rum. Bis der Tankstellen-Azubi eine Minute hat. Mir den gehei­men Hebel zeigt, unter dem Fah­rer­sitz. Dann auch gleich noch für mich tankt. Offen­sicht­li­cher neu kann jemand in die­sem Land wohl nicht sein.

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4

Rei­sen ohne Ziel und Plan. So hatte ich mir das vor­ge­nom­men. Vor mei­nem Start in Thai­land. Über sechs Monate ist das her. Und naja, so ist viel­leicht die Wunsch­vor­stel­lung. Von den Träu­men­den, die ohne Punkt und Komma durch die Wel­ten schwe­ben. Doch irgend­wie hat man dann doch sei­nen Plan, zumin­dest wo es in unge­fähr x Tagen enden soll und wo man zwi­schen­durch vor­bei­kom­men will. So war das zumin­dest bei mir. Da mache ich mir nichts vor. Hier in Neu­see­land ist das anders. Den Rei­se­füh­rer hatte ich mir erst am Flug­ha­fen in Bali gekauft, Aka­roa vor­her noch nie gehört.

Die ers­ten Tage sind geprägt von noto­ri­scher Unwis­sen­heit und all­mor­gend­li­cher Plan­lo­sig­keit. Doch ist das Auto das Bett, braucht es kein Hos­tel am Abend, kein Restau­rant um die Ecke. Da über­nach­tet es sich auch mal am Rand einer der vie­len Sce­nic Rou­tes, der pan­ora­ma­bli­ck­über­häuf­ten Stra­ßen ent­lang der Ost­küste. Auch wenn das offi­zi­ell nicht erlaubt ist. Die Gefahr, erwischt zu wer­den und mit 200 Dol­lar zur Kasse gebe­ten zu wer­den, erscheint mir momen­tan (keine Haupt­sai­son) sehr gering.

Andere, all­täg­li­che Auf­ga­ben, for­dern einen her­aus. Wo putze ich die Zähne am Mor­gen? (ok, neben der Straße, geschenkt), woher bekomme ich Was­ser, um sich wenigs­tens ein biss­chen fri­scher zu füh­len? (meine Haare am Mor­gen berei­ten Kum­mer und Sor­gen, nicht geschenkt) und wie schaffe ich es, all die beweg­li­chen Dinge fahr­taug­lich im Cam­per­van unter­zu­brin­gen (kein Platz für Geschenke)?
Prak­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­sen sind nötig. Toast­brot mit Rührei wird durch Corn­fla­kes zum Früh­stück ersetzt (wer will bei Kälte am Mor­gen den Gas­ko­cher anschmei­ßen?), ein zusätz­li­cher 20-Liter-Wasserkanister wird gekauft und die Tup­per­ware erlebt eine Renais­sance. Ord­nung muss sein. Ein Sieb, eine Schöpf­kelle, ein rich­ti­ger Nudeltopf und ein Cam­ping­stuhl hat zudem auch noch kei­nem gescha­det. Ist das typisch deutsch? frage ich mich. 18 000 Kilo­me­ter ent­fernt von der Hei­mat.

5

Ich stehe neben dem Mount John Obser­va­to­rium, einer Stern­warte, einige hun­dert Höhen­me­ter über dem Lake Tekapo gele­gen. Das Para­dies für Him­mels­an­be­ter soll hier sein. Lan­des­weit. Die beste Sicht nach oben. Die teure Nacht erspare ich mir und gucke am Tag in die Ferne. Sehe den See zu mei­nen Füßen, in einem schwer glaub­haft zu machen­den tür­kis leuch­tend. Bli­cke nach links, sehe die wei­ßen Gip­fel­ket­ten des Mount Cook Natio­nal Park. Noch gut und gerne hun­dert Kilo­me­ter ent­fernt, aber kon­trast­reich und klar zu sehen. Die Luft auf der Süd­in­sel Neu­see­lands soll die klarste der Welt sein. Sie soll der Grund sein für das beson­dere Leuch­ten, das durch sie auf Glet­scher, Seen, Täler und Berge fällt. Weit­ge­hend staub­frei ist die Luft über Neu­see­land, da es kaum Indus­trie gibt. Und der wenige Dreck wird durch die Winde zurück auf die Meere getra­gen. Die gan­zen Kon­junk­tive leuch­ten ein, wenn man hier steht. Auf den See blickt, auf die Berge schaut und sich kein bes­se­res – Pho­to­shop lässt grü­ßen – Wer­be­pla­kat für die Schön­heit der Natur vor­stel­len kann.


6

Die Land­schaft ist karg, braun, kaum Bäume wach­sen. Sta­che­lige Sträu­cher und Büsche über­wie­gen auf dem Weg zum Mount Cook. Das über­rascht mich. Immer­grün, immer­hü­ge­lig, immer vol­ler Schafe. So hatte ich mir Neu­see­land vor­ge­stellt. Das hier ist mehr Kanada in mei­nen Augen. Keine Ahnung, wie Kanada ist. Aber das ist für mich Kanada, denke ich. Oder die Mon­go­lei. End­lose Steppe. Dann mal wie­der ein Berg. Denn Kanada ist für mich auch vol­ler Bäume, end­lose Wäl­der über­all. Und die gibt es hier gerade nicht. Aber Berge, breite Täler, hohe Gebirgs­ket­ten. Also doch auch nicht die Mon­go­lei. So schwir­ren die Gedan­ken hin und her wäh­rend mei­ner zahl­rei­chen Stopps am Stra­ßen­rand. Etwas über­for­dert von all den Ein­drü­cken. Das ist nicht Kanada, nicht die Mon­go­lei. Das ist alles auf ein­mal: Neu­see­land.
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