Neuseeland
Oktober 30, 2014

Mein Neu­see­land (15 - 19)

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It’s all about Mil­ford Sound. Der Sound, der eigent­lich ein Fjord ist, also rie­sige von Glet­schern geformte Grä­ben, die sich irgend­wann mit Was­ser gefüllt haben, ist der Tou­ris­ten­ma­gnet schlecht­hin in der Region. Es ist ein „Must-See“. Doch auch wenn mich die­ses „Must-du-gesehen-haben-Gerede“ eigent­lich anö­det, gehe ich die 120 Kilo­me­ter lange Pan­ora­ma­fahrt (einer der bes­ten in Neu­see­land, wird ver­spro­chen) am dar­auf­fol­gen­den Tag an. Schnee­ket­ten muss ich dabei­ha­ben, auch wenn der Pass, der zum Mil­ford Sound führt, nicht mehr gesperrt ist. Saf­tige Stra­fen dro­hen, wenn der Tou­rist ohne erwischt wird. Ich beuge mich gezwun­ge­ner­ma­ßen.

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Die Fahrt gleicht der einer Ach­ter­bahn. Die ich die meiste Zeit in den lang­wei­li­gen Pas­sa­gen, ohne Loo­pings, ohne Steil­kur­ven, vebringe. Es mag am Wet­ter lie­gen, dass ich nicht beschleu­nige: wie­der hat es ange­fan­gen zu reg­nen. Der Front­schei­ben­blick lässt mich eher kalt. Dann der Beginn des kur­zen, kna­cki­gen Berg­pas­ses. Meine Stim­mung steigt. Immer, wenn Kurve auf Kurve folgt. Sich Ser­pen­ti­nen an Ser­pen­ti­nen rei­hen. Ein Berg und ich – das passt. Der Regen geht in Schnee­re­gen über. Unge­fähr­lich aber. Ein schlecht­be­leuch­te­ter Tun­nel stellt den höchs­ten Punkt dar. Ser­pen­ti­nen wie­der, nun nach unten. Die andere Pass­seite ist kaum wie­der­zu­er­ken­nen. Kaum mehr Nebel, mehr und mehr Son­nen­strah­len, je tie­fer es geht.

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Die Fahrt im Sound ver­passe ich fast. Denn ich habe die Zeit­um­stel­lung ver­passt. Seit ges­tern eine Stunde vor, sagt mir der Mann mit Bart am Ticket­schal­ter, nach­dem ich ihn freund­lich dar­auf hin­wei­sen wollte, dass seine Uhr doch falsch gehe.
Es ist die letzte (und mit 15 Per­so­nen fast unbe­setzte) Fahrt am Tag (15 Uhr), nur ein voll­be­pack­tes Juicy-Schiff (eine beliebte Miet­wa­gen­firma) folgt uns noch fünf Minu­ten spä­ter. Der Nebel zieht zwar wie­der ein, doch die Bli­cke auf die nass-grauen Fels­for­ma­tio­nen und bewach­se­nen Steil­hänge sind immer noch for­mi­da­bel. Der Mitre Peak zeigt sich unver­hüllt mit dem wohl meist geschos­sens­ten Motiv im Mil­ford Sound: sei­ner schnee­be­deck­ten Spitze (daher der Name Mitre Peak = Bischofsmützen-Spitze).
Es folgt der Ablauf eines jeden Tou­ran­bie­ters: Was­ser­fälle wer­den, so nah wie mög­lich, ange­fah­ren, der Kapi­tän erläu­tert his­to­ri­sche und meteo­ro­lo­gi­sche Details, dann die kurze Schleife hin­aus auf das Meer. Der Wel­len­gang wird höher. Vor­al­lem eine indi­sche Fami­lie hat arge Stand­schwie­rig­kei­ten. Ich bin zufrie­den, aber nicht voll happy. Muss am Tag lie­gen (oder am Preis?). Doch dann steu­ern wir einen Fels­vor­sprung mit Mini-Seelöwen an, schließ­lich sich­ten wir auch noch Hector-Delphine (die kleins­ten ihrer Art welt­weit), die in Zeit­lupe ihre haiähn­li­che Flosse über die Ober­flä­che schie­ben. Keine süßen Hun­de­wel­pen und Kat­zen­ba­bies auf Youtube, dafür wilde Tiere in der Natur. Die Show zieht. Auch meine Laune nach oben.

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Die Schei­ben an mei­nem Cam­per­van sind mit leich­tem Frost über­zo­gen, der Mor­gen viel­ver­spre­chend, da der Hori­zont wol­ken­frei. 40 Minu­ten spä­ter stehe ich im Ger­trude Val­ley. Die Pfüt­zen vom Vor­tag sind noch gefro­ren. Der Pfad ist schmal, kurz fel­sig, dann flach aus­lau­fend. Ein locke­rer Mor­gen­spa­zier­gang. Bis ich nahezu umge­ben bin von vier Fels­wän­den. Einem rie­si­gen aus­ge­höhl­ten Wür­fel ohne „Deckel“. 50 Meter links von mir ras­seln im Minu­ten­takt kleine Schnee­la­wi­nen ver­ti­kal hin­un­ter. Der Besit­zer der Hütte am Park­platz hatte mich bereits gewarnt. Vor mir der Ein­stieg zum Ger­trude Saddle Track, ein schma­ler, trich­ter­för­mi­ger Geröll­pfad, der unter Schnee liegt und des­halb momen­tan ohne Eisaxt und Steig­ei­sen nicht zu bewzin­gen ist. Auf mei­ner rech­ten Seite ein mons­trö­ser, im Schat­ten lie­gen­der Fels­qua­der und hin­ter mir die schnee­be­deck­ten Gip­fel­ket­ten des Fjord­land Natio­nal Park. Majes­tä­tisch. Vol­ler Ele­ganz. Geschaf­fen vor Mil­lio­nen von Jah­ren. Eine Urkraft, die das geschaf­fen hat.

Video

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Gibt es etwas groß­ar­ti­ge­res als das? In den Ber­gen sein, schmale, steile, stei­nige Pfade auf­stei­gen, das son­nen­über­flu­tete Pan­orama um sich wis­sen, mal mit Hän­den, dann mit Füßen nach Trit­ten suchen, den Fels spü­ren, über die eigene Kon­di­tion flu­chen, über Gip­fel­grade lau­fen, fest­stel­len, dass es nicht mehr weit sein kann, die zweite oder dritte Luft krie­gen, sich über die letz­ten Fel­sen zie­hen, links und rechts den Abgrund füh­len, schließ­lich ganz oben ankom­men, sich hin­set­zen, umbli­cken, die Stille genie­ßen, ganz weit weg sein vom Stadt­lärm und Dau­er­ge­quas­sel. Ja. Genau das ist es. Meins.

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