Neuseeland
November 1, 2014

Mein Neu­see­land (20 + 21)

20

Ich biege Rich­tung Hol­ly­ford Val­ley ab, in eine Schot­ter­straße abseits des geteer­ten Wegs zum Mil­ford Sound. Ein „off-the-beaten-track“-Abenteuer ver­spricht dort Scott Cook. Scott ist Ame­ri­ka­ner, um die 50 und Autor der New Zea­land Frenzy Gui­de­books (für 40 Dol­lar zu kau­fen oder kos­ten­los als PDF für Space­ship-Mie­ter). Ein Rei­se­ver­rück­ter, der bereits 700 Neuseeland-Tage im Cam­per­van hin­ter sich hat und gerne auch mal nach ver­steck­ten Rou­ten abseits der Tou­ris­ten­pfade sucht.

Die Idee: Die Hum­boldt Falls (der grö­ßere von bei­den fällt 270 (!) Meter) nicht auf dem 30-Minuten-Trampelpfad errei­chen, son­dern ins Fluss­bett abstei­gen und von dort sein Glück ver­su­chen. Der Geheim­tipp lässt in mir Bil­der an die vie­len Emmen-Flusswanderungen in der Schweiz auf­le­ben. Oder den Weg durch das zer­klüf­tete Verzasca-Tal. Von Fels zu Fels sprin­gen, den tosen­den Strom kreu­zen, sei­nen eige­nen Weg suchen. Genau so ist es heute. Meine Schuhe blei­ben nicht tro­cken, etli­che Pas­sa­gen sind eine echte Klet­ter­par­tie, die mit glas­kla­rem Was­ser gefüll­ten Wan­nen wahre Augen­sch­man­kerl. Schließ­lich kommt mein Taten­drang zum Erlie­gen. Der nächste Fels­vor­sprung unüber­wind­bar, rechts kein Durch­kom­men nach oben, links das Nass. Ich mag sie nicht in vol­ler Pracht gese­hen haben, die Hum­boldt Falls, von der view­ing plat­form (eine künst­lich errich­tete Ter­rasse, um zu glot­zen; welch sinn­freie Geld­ver­schwen­dung), die Socken trie­fen, doch der Spaß war gewiss auf mei­ner Seite.

21

Zurück in Te Anau. Dem letz­ten Ort vor Mil­ford Sound. Oder wie­der der erste. Es wird ein lehr­rei­cher Tag. Ich steige in einem Holi­day Park ab, einem der unter der Reihe der „Top 10“ läuft. Für 15 bis 25 Dol­lar (10 bis 16 Euro) bekommt man hier einen Stell­platz für sei­nen Cam­per­van (mit oder ohne Strom). Wer will, kann sich für mehr Geld auch in Cha­lets oder Dorm­bet­ten ein­quar­tie­ren. Was über­all gleich ist: Sani­täre Anla­gen, die blitz und blank sind (Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel), eine Küche (eigene Töpfe und Co. bitte) und der Gemein­schafts­raum (vor­zugs­weise mit Hei­zung und Fern­se­her). Nicht zu ver­ges­sen das Inter­net, für die Süch­ti­gen (mich), zum Preis von fünf Dollar.

Hier treffe ich John wie­der (zwei Tage zuvor war ich schon dort). John hat in Auck­land als Koch in einem ita­lie­ni­schen Restau­rant gear­bei­tet. Die Zei­ten sind vor­bei, nun lebt er vor­über­ge­hend in Te Anau, da seine Frau einen Job im nächs­ten Hotel hat. Eigent­lich will er aber zurück nach Queens­town, da war er auch schon zwei Jahre. John hat kei­nen Voll­bart, aber die Chan­cen ste­hen gut und er ist ein typi­scher Neu­see­län­der. Er liebt Rugby. Ich ver­stehe nichts von Rugby. Wusste noch nicht ein­mal, dass die Spie­ler das Ei stets nur nach hin­ten pas­sen darf – um nach vorne zu kom­men. An die Linie, um einen Try zu lan­den, also über die Touchdown-Linie beim Ame­ri­can Foot­ball. Der Unwis­sende hüte sich übri­gens davor, Rugby mit Foot­ball zu ver­glei­chen. Wel­ten lägen dazwi­schen. Und viele Regeln. Apro­pos Regeln. Einer der ehe­mals bes­ten Spie­ler der aus­tra­li­schen Natio­nal­mann­schaft hat zuge­ge­ben, nicht alle Regeln des Spiels zu ken­nen. Er wisse aber auch nicht den Namen eines jeden ein­zel­nen Kno­chen, den man sich beim Rugby bre­chen könne.

Der Crash­kurs von John zieht sich über Stun­den und wird anhand des live lau­fen­den Spiels im TV erklärt. Nur soviel: Vie­les scheint Aus­le­gungs­sa­che („nice check, no foul“), atta­ckiert wird aber nur mit den Hän­den, der Kopf ist tabu, es gibt sogar einen Natio­nal­spie­ler, der den Gür­tel im Schwer­ge­wichts­bo­xen hält, die vier gro­ßen Natio­nen sind Neu­see­land (All Blacks), Aus­tra­lien (Wal­la­bies), Argen­ti­nien (Los Pumas) und Süd­afrika (Spring­boks). Die spie­len regel­mä­ßig in einem Vier-Nationen-Wettbewerb gegen­ein­an­der. Dann gibt es noch ver­schie­dene Ligen (unwich­tige und sehr wich­tige: „you want to win that“) sowie, na klar, die WM. Amtie­ren­der Welt­meis­ter: Neu­see­land. Aber so sagen sie hier nie: Es sind immer die All Blacks. Was Rugby-Uninteressierte viel­leicht trotz­dem ken­nen, das ist der Haka: der Kriegstanz der Maori, denn die Mus­kel­berge in den schwar­zen Tri­kots vor jedem Spiel auf­füh­ren. Nichts für Aus­drucks­lose.

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1 Comment

  • […] wie das denn eigent­lich so läuft, wenn man im Cam­per­van unter­wegs bist und nicht immer in Holi­day Parks über­nach­ten will. Geld spa­ren und auf kos­ten­lo­sen Plät­zen blei­ben, das war ja mal […]

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