Neuseeland
November 5, 2014

Mein Neu­see­land (22 - 24)

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In Glen­or­chy, 50 Kilo­me­ter tal­wein­wärts von Queens­town. Liege im Cam­per­van. Regen pras­selt unauf­hör­lich auf das Dach. Ich bin in meine Decke ein­ge­mur­melt. Film­nach­mit­tag. Der Lap­top läuft. Der kurze Aus­flug im Regen am Vor­mit­tag reicht. Berge im Nas­sen und Nebel las­sen mich nicht vor Taten­drang sprü­hen. Trotz aller Lob­hu­de­leien über Fel­sen, Steine und Gip­fel. Ohne Pan­orama redu­ziert sich die Sehn­sucht immens. Aus schön wird schnell blöd. Ich schaue Ware aus Neu­see­land: „Der Hob­bit“. Bin kurz­wei­lig ange­tan, lang­fris­tig nicht. Das Ende kommt plötz­lich. Einer die­ser Fort­set­zung­filme wie­der.

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Ich denke über Queens­town nach. Dem Adrenalin-Eldorado. Das kann nur in einer Hass-Liebe enden. Die Stadt (ein grö­ße­res Dorf) ist über­füllt von Tou­ris­ten und Kom­merz. Ein Mil­lio­nen­ge­schäft. Die Begleit­er­schei­nun­gen sind bekannt. Der obli­ga­to­ri­sche Flug­ha­fen gehört dazu. Selbst die Kiwis im Super­markt sind teu­rer. Alles hat sei­nen Coolness- und Abenteuer-Aufschlag. Wer bin ich, um das zu kri­ti­sie­ren. Selbst bin ich doch der Tou­rist, der hier her kommt. Unge­zwun­gen. Nur kann ich gut meckern und diese „Hier-sind-alle-trendy-und-cool-Athmosphäre“ nicht ab. Das ist mir schon in Indo­ne­sien auf­ge­fal­len. In den Hoch­bur­gen der Sur­fer etwa. Irgend­wie gehöre ich nicht dazu. Will es aber auch nicht.
Auf der ande­ren Seite aber die ein­fa­che Schön­heit der Umge­bung. Ein abso­lu­ter Plus­punkt der Stadt. Ein­ge­bet­tet zwi­schen Gebirge, Wald und Was­ser. Queens­town ist ein ech­ter Hin­gu­cker. Von oben, vom Queens­town Hill gese­hen, oder von der End­sta­tion der ach so prak­tisch in den Wald gestampf­ten Gon­del, die für 40 Dol­lar Lauf­f­aule dem Him­mel näher bringt.

Video 1

Video 2

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Warum springe ich gerne aus Höhen in Tie­fen? Seien es 200-Meter-Brücken, Stau­dämme und bald Flug­zeuge. Wenn man abends in sei­nem Kof­fer­raum über Thun­fi­sch­do­sen, Tel­lern, Gas­scha­tul­len und Mes­sern liegt, schie­ßen einem die wil­des­ten Gedan­ken in den Kopf.
Gibt es eine andere Erklä­rung als die des Adre­na­lin­kicks. Adre­na­lin, der Stoff, der etwa in die Blut­bahn schießt, wenn der Blick aus dem Flug­zeug­fens­ter auf eine bren­nende Tur­bine fällt. Oder eben, wenn man – im bes­ten Fall ange­bun­den – frei fal­len übt. Die­ser Moment brennt sich fest, spielt sich noch lange in Zeit­lupe und End­los­schleife ab. Stress als Glücks­aus­lö­ser. Adrenalin-Flow. Hell­wach plötz­lich. Herz­ra­sen. Bewusst gewählt oder zufäl­lig erfahren.

Der mensch­li­che Kör­per ist auf jeden Fall nicht auf freien Fall gefasst. Ich erin­nere mich an mei­nen ers­ten Bun­gee­sprung in Inns­bruck. Allein die irr­wit­zige Absprung­an­lage, die unter der Euro­pa­brü­cke klebt, ist ein Event für sich. Das ist kein Spaß, dort auf dem Eisen­git­ter an der Kante zu ste­hen. Aber auch keine Über­win­dung mehr. Wenn ich dort stehe, weiß ich auch, dass ich springe. Wer zögert, ver­liert. Geht das Ris­kio ein, doch von Angst über­mannt zu wer­den. Nicht den Absprung zu schaf­fen. Angst, die ich nicht habe, Denn ganz prag­ma­tisch gese­hen wird das Ding nicht gerade jetzt, bei mir, rei­ßen. Wird nicht in die­sem Moment das Unwahr­schein­li­che Rea­li­tät. Mein War­ten vor dem Absprung gleicht einer gedan­ken­lo­sen Ein­bahn­straße. Schnell durch­fah­ren ist die. Kein Wen­den mög­lich. Nur noch eine Option. Im Fall die Reak­tion des Kör­pers. Irgend­et­was stimmt hier nicht, merkt der schnell. Krib­beln im Bauch. Von der ers­ten Sekunde an. Der Wind zerrt und brüllt einen förm­lich an. Erst Sekun­den säter kommt die Freude. Das Rea­li­sie­ren, was gesche­hen ist. Kein Zit­tern vor Glück, aber brei­tes Grin­sen. Los­ge­löst­heit. Schwam­mige Beine oben dann, zurück auf der Platt­form. Exakt diese Erfah­run­gen durch­laufe ich wie­der, als ich in Queens­town drei­mal in den Can­yon springe. Ein ech­ter Glücks­brin­ger.

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