Neuseeland
November 7, 2014

Mein Neu­see­land (25 - 27)

25

Der Wecker klin­gelt um neun. Kurz die Bundesliga-Ergebnisse gecheckt. Immer­hin für sowas ist die über­teu­erte SIM-Karte (30 Euro für 500 MB pro Monat) gut. Die Resul­tate sind weni­ger erfreu­lich, aber die emo­tio­nale Nähe ist ohne­hin nicht die Glei­che. Im Moment zumin­dest. Zu weit weg vom Gesche­hen, hier in Wan­aka auf der Süd­in­sel. Der Plan für den Sonn­tag: Den Rob-Roy-Gletscher anschauen. Die Straße dort­hin führt 50 Kilo­me­ter durch ein Tal. 30 Kilo­me­ter davon unge­teert. Noch dringt die Sonne kaum durch die Wol­ken. Dann sehe ich es blit­zen, werfe einen Blick über die Schul­ter und muss in der nächs­ten Park­bucht anhal­ten. Wie­der ein­mal, denn das Pan­orama ist umwer­fend. Die Gip­fel des Mt. Aspi­ring Natio­nal Park lie­gen über dem tief­blau leuch­ten­den Wanaka-See. Totale Stille. Nie­mand stört den Moment. Das klare Was­ser liegt still in der Bucht, dun­kel­grün ragen Bäume wie Kugeln am gegen­über­lie­gen­den Ufer empor, spie­geln sich an der Was­ser­ober­flä­che. Was eine Kom­po­si­tion. Am Abend werde ich auf dem Rück­weg hier wie­der vor­bei­kom­men. Wie­der stop­pen. Dann wird alles von der Nach­mit­tags­sonne erleuch­tet sein. Ein sur­rea­les Bild. Dort der See, hier die schnee­be­deck­ten Gip­fel, da das satte Grün, das kahl-braune Tal, die dunk­len schrof­fen Fel­sen. Minu­ten­lang werde ich ste­hen blei­ben, und ein­fach nur gucken. Eine Meis­ter­kom­po­si­tion. Ein Wun­der. Nicht eine die­ser über­ir­di­schen Hel­den­ta­ten, auf die sich Welt­re­li­gio­nen beru­fen. Die irr­wit­zig sind, absurd und zusam­men­ge­spon­nen, und in die doch so viele ihre letzte Hoff­nung legen. Nein, das ist die Erde: live, unge­färbt und direkt emp­fang­bar.

26

Sie­ben Bach­läufe durch­quere ich auf dem Weg durch das Rob-Roy-Tal. Manch­mal nur zen­ti­me­ter­tief, dann wie­der knie­hoch. „Ford“ heißt das auf eng­lisch. Eher Fjorde, denke ich. Der Cam­per­van rat­tert gewal­tig. Viel fehlt nicht und der Schei­ben­wi­scher schal­tet sich allein durch die Erschüt­te­rung an. Grö­ße­ren Stei­nen wei­che ich aus, doch die Kies­straße hält immer wie­der Über­ra­schun­gen parat. Unsicht­bare Schlag­lö­cher im Licht-Schatten-Spiel oder erhöhte Cattle Stops, runde, aus­ein­an­der­ra­gende Eisen­stäbe, über die die Vieh­her­den nicht lau­fen. Rui­niere ich mir jetzt den Unter­bau oder die Achse, ist das Unter­neh­men Neu­see­land vor­bei. Der 400 000 Kilo­me­ter alte Toyota ist nur spär­lich ver­si­chert und mit 3 000 ein­ge­fro­re­nen Dol­lar hänge ich auch noch drin. Selbst­be­tei­li­gung, für etwaige Schä­den, unab­hän­gig vom Schul­di­gen. Das Risiko für einen bil­li­gen Miet­preis.

27

Beinhal­tet der Begriff Wun­der nicht ohne­hin schon Groß­ar­ti­ges, Außer­ge­wöhn­li­ches, dann ist jetzt Zeit für Maß­lo­sig­kei­ten. Son­der­glei­chen, meis­ter­haft, for­mi­da­bel. Nimm das, Rob-Roy-Gletscher. Sicht­bar geschrumpft, aber den­noch mas­siv thront die weiß-blaue, meter­di­cke Eis­wand in der glei­sen­den Sonne. Das Schmelz­was­ser hat zehn Was­ser­fälle geschaf­fen, die sich über die kan­ti­gen Fel­sen ent­lee­ren. Der höchste 100 (!) Meter in die Tiefe fal­lend, abseits der klei­ne­ren gele­gen, aus einer mit grü­nen Büschen bewu­cher­ten hori­zon­ta­len Wand star­tend. Keine 300 Meter davon ent­fernt sit­zen wir, die klei­nen Men­schen, star­ren auf das ewige Eis des 2644 Meter hohen Rob Roy und stau­nen. Stau­nen, als plötz­lich ein Grol­len durch das Mas­siv geht, ein Eis­block in der Größe eines Ein­fa­mi­li­en­hau­ses sich weit über uns gelöst hat und gen Tal stürzt. Sich in tau­sende Split­ter zer­legt und auf den Vor­hän­gen lie­gen bleibt. Albert Lond­res, ein fran­zö­si­scher Repor­ter hat mal gesagt: „Je suis un voy­eur“ – ich bin ein Sehen­der. Und Andreas Alt­mann, was ein Typ, setzte den Satz in fol­gen­den Kon­text: „Der Rei­sende muss nicht in Akten wüh­len, nicht die Stink­lau­nen sei­ner Arbeit­ge­ber erdul­den, nicht sich dabei ertap­pen, wie seine Lebens­zeit bei einer Tätig­keit zuschan­den kommt, von der er nie geträumt hat. Er schaut - und begreift sein Glück.“ Wie ich – inmit­ten des Gigan­tis­mus der Natur.


Share Button

Auch lesens­wert

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>