Neuseeland
November 19, 2014

Mein Neu­see­land (34 - 37)

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Der nächste Tag ist dem Zufall zu ver­dan­ken. Am Castle-Hill-Park­platz hatte ich am Vor­tag ein Schild gese­hen, dass Gebiete und Orte ent­lang des Grand Alpine High­way auf­lis­tet. Der nächste Park, keine zwan­zig Minu­ten ent­fernt, ver­se­hen mit einem die­ser sym­bo­li­schen Strich­männ­chen, das einen Ruck­sack geschul­tert hat und einen stei­len Hang erklimmt. Das Zei­chen für einen soge­nann­ten chal­len­ging day tramp, im neu­see­län­di­schen Out­door­jar­gon eine anspruchs­volle Route durch alpi­nes Gelände. Meine Neu­gier war geweckt. Zufall Num­mer zwei: Genau an Ort und Stelle gab es tat­säch­lich, in den Ber­gen, ein ordent­li­ches Inter­net­si­gnal. Fünf Han­dy­mi­nu­ten spä­ter stand der nächste Gip­fel fest, zumal auch das Wet­ter mit­spie­len sollte.

Am Ein­stiegs­punkt am nächs­ten Mor­gen, einer Pass­höhe, fahre ich gekonnt vor­bei. Bis mir die Sache komisch vor­kommt. Ich die Ser­peni­nen wie­der hoch­kurve und end­lich die kleine Park­bucht finde, die zur Beschrei­bung passt. Kein Schild, keine Mar­kie­rung weist auf die Berg­route hin. Vor mir muss er aber sein, der Geröll­hang des Foggy Peak und – noch nicht sich­bar dahin­ter, der 1998 Meter hohe Castle Hill Peak. Die nächs­ten 800 Höhen­me­ter und 80 Minu­ten glei­chen der Bestei­gung des Mount Rin­jani in Indo­ne­sien. Es gibt keine Mar­kie­run­gen, nur weg­wei­sende Stein­hau­fen in Sicht­weite. Und viel Geröll. Doch jeder Meter ver­spricht ein bes­se­res Pan­orama. Wol­ken­los blau der Him­mel. Das Beloh­nungs­sys­tem funk­tio­niert. Am Foggy Peak ange­kom­men dann der freie Blick zur nächs­ten Spitze. Ein lan­ger Grat führt dort­hin, ent­lang klei­ner Schnee­fel­der, die grö­ßer wer­den, je näher der Gip­fel rückt. Ein Foto­traum. Meine Ide­al­vor­stel­lung von einem Weg in den Ber­gen.

Die Grat­wan­de­rung leert mei­nen Ruck­sack. Im T-Shirt gestar­tet, muss ich mich nun warm­zwie­beln. Die Fleece-Weste kommt drü­ber, die Kapuze auf. Doch das reicht nicht gegen den zer­ren­den Wind, der über die Stein­wüste fegt. Meine Northface-Softshell als dritte Schicht, dann die vor­sorg­lich ein­ge­packte Regen­ja­cke als wei­te­rer Schutz, samt zwei­ter Kapuze. Nur Hand­schuhe habe ich nicht. Mit den Hän­den in den Hosen­ta­schen laufe ich wei­ter. Ohne umzu­fal­len gegen den Wind leh­nen kann ich mich nicht, aber hätte ich einen Schirm dabei, abhe­ben würde ich damit.

Wenn Andreas Alt­mann seine Erleb­nisse beschreibt – nicht in den Ber­gen – aber irgendwo anders auf der Welt, dann spricht er immer wie­der die­ses Gefühl an, das ihn regel­mä­ßig befällt. Das Gefühl, am Leben zu sein. Den Thrill, der den Herz­schlag ver­schnel­lert. Das Spiel mit der Angst, die am Ende Glück und Freude bringt. Eine bes­sere Beschrei­bung gibt es nicht. Hier oben kann nicht der Hauch von Leb­lo­sig­keit auf­kom­men. Die Grat­wan­de­rung ist tech­nisch nicht schwie­rig. Es gibt nur eine kurze, stei­lere Pas­sage aus brü­chi­gem Schie­fer­stein, bei der ein unacht­sa­mer Schritt die letzte Dumm­heit sein könnte. Ein frag­los for­dern­der, aber nicht gefähr­li­cher Auf­stieg also, der auf einem klei­nen, schnee­be­deck­ten Pla­teau endet. Im Wind­schutz des Geröll­hangs zele­briere ich die Fast-2000-er-Besteigung mit Scho­ko­lade, Pitab­rot, Nüs­sen, Äpfeln und Müs­li­rie­geln. Und der 360-Grad-Aussicht. Mehr braucht der Mensch doch nicht.

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New World, Fresh Choice, Fours­quare, Count­down. Das sind die Super­märkte, die auf der Süd­in­sel regel­mä­ßig von der Straße aus zu sehen sind. Nur in Christ­church gab es zudem einen Pac’n Safe, die neu­see­län­di­sche Aldi-Variante. Alle haben sie etwas gemein­sam. Sie haben sie­ben Tage die Woche geöff­net und preis­wert sind sie nur in bestimm­ten Fäl­len. Saft zum Bei­spiel. Drei Liter Apfel­saft gibt’s im Ange­bot schon mal für 1,80 Euro. Seit­dem trinke ich Saft. Denn Was­ser ist teuer. Zwei Liter der Dis­coun­ter­marke für 1,20 Euro. Seit­dem fülle ich mei­nen Kanis­ter an der Tank­stelle. Abso­lut trink­was­ser­geig­net, hat mir ein Ein­hei­mi­scher ver­spro­chen. Kurios wird es bei Cola, Fanta und Sprite. Im Super-Saver-Angebot ist das inter­na­tio­nale Wunder-Pappzeug in der Regel bil­li­ger als Was­ser. Seit­dem trinke ich das trotz­dem nicht. Nega­tiv inter­es­sant wird es für mich als ein­ge­fleisch­ter Fleisch­es­ser. 700 Gramm Hähn­chen schla­gen gerne mal mit 6 bis 8 Euro zu Buche. Seit­dem esse ich Nudeln und Cous­cous.

Rich­tig trau­rig wird es für mich aber erst beim Käse. Der Preis für mei­nen in Deutsch­land so geschätz­ten Camen­bert (am bes­ten zwei Wochen ab- und davon­ge­lau­fen) lässt mich – egal in wel­chem Super­markt – mit Kopf­schüt­teln zurück. 125 Gramm für 3 Euro. Gut, mal auch für 50 Cent weni­ger, aber da muss man schon unter die Kühl­theke bli­cken. Sowas nennt der Kunde Abzo­cke. Und der Kunde bin ich. Seit­dem esse ich ein­ge­schweiss­ten Gummi-Cheddar. Der macht sich gar nicht so schlecht. Die Bau­ern schüt­ten wohl ohne­hin nicht aus Pro­test ton­nen­weise Milch auf die Straße. Denn wer etwa But­ter will, zahlt für 500 Gramm rund 3 Euro. Kein Wucher, nein. Aber ein Schnäpp­chen auch nicht. Seit­dem kaufe ich Mar­ga­rine. Kos­tet nur die Hälfte.

Kleine Anek­dote zum Abschluss. Stolz und schnäpp­chen­er­freut habe ich die ers­ten Wochen kilo­weise Kiwis ein­ge­tü­tet. Zehn Stück für 2 bis 2,50 Euro, das kann sich sehen las­sen, dachte ich. Das passt preis­lich. Vom Fee­ling her ein gutes Gefühl, würde Andreas Möl­ler sagen. Bis ich Wind davon bekam, dass einem zur Kiwiernte-Saison das Dut­zend für einen läp­pi­schen Dol­lar (60 Cent) hin­ter­her­ge­schmis­sen wird. Seit­dem esse ich trotz­dem regel­mä­ßig Kiwis.

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Über Spring­field, Shef­field und Oxford geht es Rich­tung Christ­church. Doch vor­her biege ich ab, will nach Kaik­oura. Komme aber ins Zwei­feln. Weil ich wie­der zuviel nach­denke. Kaik­oura einen Besuch abzu­stat­ten, an der Ost­küste gele­gen und bekannt für seine Viel­falt an Tie­ri­schem im und um das Was­ser, erscheint mir plötz­lich nicht erstre­bens­wert. Meer bedeu­tet fla­che Sand­strände, begrenz­tes Pan­orama und über­haupt – gerade bin ich im Berg­rausch. Lieb­äugle mit dem Lewis Pass, der wie­der durch Berge und Täler zurück zur West­küste führt. Oh, du seichte Gedan­ken­welt. Nach ein paar Minu­ten am Stra­ßen­rand ent­scheide ich mich, kriege die Kurve aber nicht. Denn anstatt nach Wes­ten zur Pass­höhe abzu­bie­gen folge ich der Straße nach Kaik­oura. Ent­lang fel­si­ger Küste win­det sie sich. Endet im Stadt­zen­trum, umge­ben von einer pracht­vol­len Gebirgs­ku­lisse in Sicht­weite. Meer neben Berg in Neu­see­land, natür­lich geht das. Kopf ein­schal­ten nicht immer.

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Video dazu

Eine halbe Stunde genügt und alle For­men des sozia­len Mit­ein­an­ders sind durch­spielt. Tol­len, strei­ten, ver­söh­nen, ärgern, eifern und anleh­nen sind die Lieb­linge. Der Seehund-Kolonie, die sich hier, unweit von Kaik­oura, Fel­sen und Klip­pen auf einer Länge von 200 Metern als Zuhause gesucht hat. Ent­zü­ckend, wie die Rob­ben­ba­bys in den Salz­was­ser­be­cken plan­schen, sich immer wie­der anschnau­zen und dann wei­ter toben. Wahr­lich kein Seehund-Experte bin ich, mag viele Situa­tio­nen miss­deu­ten, aber das, was sich hier abspielt, ist unter­halt­sa­mer als jeder Til-Schweiger-Film. Dort troh­nen die vor­lau­ten, extra-fetten Exem­plare auf dem höchs­ten Fel­sen, gegen­über lie­gen ihre Dop­pel­gän­ger faul im Schat­ten. Gegrunzt wird sekünd­lich, wie eine Fuß­ball­mann­schaft rotiert die Kolo­nie stän­dig über die Fel­sen. Mit­ten­drin die Unbe­weg­li­chen, die nicht­mal das Augen­lid ob der Slapstick-Show heben. Uner­klär­lich warum wird plötz­lich ins Was­ser gesprun­gen, der Nach­bar atta­ckiert oder der Art­ge­nosse unsanft abge­wie­sen. Wirk­lich ver­zü­ckend, diese Spiel­wiese, wort­wört­lich zu nehmen.

Noch erstaun­li­cher wird es zehn Minu­ten wei­ter nörd­lich. Ein Was­ser­fall, fünf Geh­mi­nu­ten durch den Wald von der Küste ent­fernt. Durch ein schma­les, stei­ni­ges Fluss­bett mit­ein­an­der ver­bun­den. Hier rob­ben die Jung­tiere täg­lich hin­auf, wäh­rend die Eltern auf See für Nah­rung sor­gen. Über­win­den beacht­li­che Fel­stu­fen, um ans Ziel zu kom­men. Um, genau – nur des­halb – im vor­ge­la­ger­ten Becken des Was­ser­falls stun­den­lang mit­ein­an­der zu spie­len, eine Eski­mo­rolle nach der ande­ren zu dre­hen und wie ein Del­phin durchs Was­ser zu schie­ßen. Am Abend der Weg zurück, durch das Süß­was­ser hinab zum Meer. Bis der Spaß von Neuem beginnt. Ein­zig­ar­tige, fas­zi­nie­rende Tier­welt.

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