Neuseeland
November 26, 2014

Mein Neu­see­land (38 - 40)


38

Seit drei Tagen reg­net es. Den über­wie­gen­den Teil des Tages zumin­dest. Das strengt dann doch an, auf Dauer, die­ses Fest­sit­zen im Cam­per­van, diese Abhän­gig­keit vom Wet­ter. In der Zei­tung The Press lese ich, dass die Neu­see­län­der über eine neue Natio­nal­flagge dis­ku­tie­ren. Der „Union Jack“, die sym­bo­li­sche Ver­bin­dung zur frü­he­ren Kolo­ni­al­macht Groß­bri­tan­nien, soll weg. Oder auch nicht. Das Volk soll ent­schei­den. Bald. 26 Mil­lio­nen Euro kos­tet wohl die Befra­gung. Zu viel, sagen einige des Volks. Deut­lich wahr­zu­neh­men in der abge­druck­ten Kom­men­tar­spalte. Ergeb­nis: offen. Gleich­zei­tig echauf­fiert sich ein min­der­be­mit­tel­ter Teil der Bevöl­ke­rung in Frank­reich über die aus­ufernde Ver­brei­tung von Döner­lä­den im Land. Von einer „Keba­bi­sie­rung“ ist gar die Rede. Alles stünde im kras­sen Gegen­satz zu Deutsch­land, schreibt der Autor. Die deut­sche Kanz­le­rin hätte sich bereits drei Mal dabei foto­gra­fie­ren las­sen, wie sie Fleisch vom Döner­spieß schnei­det. In Frank­reich gäbe es ähn­li­che Auf­tritte bis­her nicht. Eine schlüs­sig auf­ge­baute Argu­men­ta­ti­ons­kette. Unsere Angie nebst Döner­spieß als Zei­chen von gelun­ge­ner Inte­gra­tion. Noch Fragen?

39

Nach einem knie­schmer­zen­den Acht-Stunden-Tag liege ich frisch geduscht und platt auf mei­ner Matratze. Alle erdenk­li­chen Mus­keln schreien nach Erho­lung. Alles krib­belt, die­ses ange­nehme Gefühl der Ent­span­nung nach kör­per­li­cher Höchst­ar­beit. Zwei Tage Aus­har­ren im Regen haben sich gelohnt. Die Robert Ridge Route zur Angelus-Hütte auf 1650 Meter war eine anfäng­li­che Qual, dann wie­der mal eine stei­nige Grat­wan­de­rung, ehe viel Schnee meine Füße kühlte. Hätte man mich hier, an der Ange­lus Hut - in einem Kes­sel gele­gen – unvor­be­rei­tet und ohne Orts­kennt­nis aus­ge­setzt, nie und nim­mer wäre ich auf Neu­see­land im Okto­ber 2014 gekom­men. Der namens­glei­che See, der im Som­mer die Berg­stei­ger plan­schen lässt, lag unter einer Schnee- und Eis­de­cke. Der Wind pfiff um die ver­las­sene Hütte, in der ich Pause machte. Die Gas­ko­cher in der Küchen­ni­sche abge­baut, das Was­ser abge­stellt. Noch ist nicht Haupt­sai­son. Ab Dezem­ber blei­ben hier pro Woche im Schnitt 40-50 Berg­freunde über Nacht, war dem Hüt­ten­buch zu ent­neh­men. Drau­ßen alles in weiß gehüllt, nur der Hori­zont blin­zelte blau, ein paar Fel­sen grau. Die Knie­schmer­zen waren in die­sem Moment vergessen.


40

Das Was­ser im Kanis­ter fühlt sich längst ver­schau­kelt und der Deckel vom Koch­topf fei­ert im Unter­bau mei­nes Kof­fer­raums seine eigene Party. Die Stra­ßen rund um die Marl­bo­rough Sounds, zwi­schen Nel­son und Blen­heim gele­gen, sind schlicht gesagt nur eines: Kur­vig. Groß­ar­tig kur­vig. Der Auf­stieg zur Alpe d’Huez ist im Ver­gleich dazu eine Gerade. Wie eine Schlange, nein, wie unend­lich viele Schlan­gen, win­det sich die Spur noch und nöcher ent­lang von Fel­sen, Wäl­dern und Buch­ten. Ich kriege das Grin­sen gar nicht mehr aus dem Gesicht, so viel Spaß macht hier die Kur­ve­rei, dabei ver­peste ich eigent­lich nur sinn­los die Luft. Denn nach einer hal­ben Stunde drehe ich um und fahre die glei­che Stre­cke wie­der zurück. Ein per­sön­li­cher Minus­punkt im Kampf gegen den Kli­ma­wan­del. Ich fühle mich schul­dig, bleibe aber unein­sich­tig.
Seit ein paar Tagen bin ich gedank­lich schon auf der Nord­in­sel. Das ist an Argu­men­ten gar nicht fest­zu­ma­chen, das ist ein­fach nur ein Gefühl. Und etwas machen, nur damit es gemacht ist, nein danke. Die Fahrt durch den Abel-Tasman-Nationalpark ges­tern und die Marl­bo­rough Sounds heute wollte ich mir aber dann doch nicht neh­men. Sight­see­ing vom Lenk­rad aus. Eine kluge Ent­schei­dung. Wer etwa den 60 Kilo­me­ter lan­gen French Pass kom­plett bis zum Meer fährt, weiß warum. Saf­tig grüné Gras­hü­gel, von dut­zen­den Fur­chen durch­zo­gen, wei­sen den Weg ent­lang der dia­go­nal abfal­len­den Küste. Die luf­tig hohe Schot­ter­straße bie­tet gran­diose Bli­cke auf Was­ser und Land­schaft. Bes­ser als jede Fahrt zum Mil­ford Sound. Da lasse ich es gerne im Kof­fer­raum schep­pern.

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