Neuseeland
November 29, 2014

Mein Neu­see­land (41 - 43)


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Zwi­schen Blen­heim und Pic­ton. Auf der Suche nach einem Cam­ping­platz. Einem geeig­ne­ten. Für mich geeig­net wohl­ge­merkt. Denn da bin ich eigen. Ungerne stelle ich mich ein­fach mit­ten auf den aus­ge­wie­se­nen Platz. Oder zwi­schen bereits geparkte Cam­per. Wie lang­wei­lig. Lie­ber ran­giere ich, parke unter Bäu­men oder neben einer wind­schüt­zen­den Hecke oder – die beste Varante – finde einen Platz, der die per­fekte Aus­sicht hat. Weg vom Sar­di­nen­büch­sen­ge­fühl, ein­ge­pfercht und gequetscht zwi­schen ande­ren Schie­be­tü­ren. Nun ja, heute wäre die lang­wei­lige Vari­ante bes­ser gewe­sen. Von Anfang an. Denn ich ste­cke fest. Bes­ser gesagt Krissy, mein Cam­per­van. Im tie­fen, sehr tie­fen Kies. Beim Ver­such, näher an den Strand zu fah­ren (schließ­lich will ich doch das Meer auch sehen, nicht nur hören) pas­sierte es. Ganze zwei Meter hatte es Krissy geschafft, dann bohrte sie (oder er?) sich in den locke­ren Unter­grund. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber muss erwähnt wer­den, dass Schil­der vor die­sem Vor­ha­ben gewarnt haben. „Tie­fer und locke­rer Unter­grund. Befah­ren nicht zu emp­feh­len“ stand da, nicht nur ein­mal. Aber keine Emp­feh­lung ist kein Ver­bot. Ok, auch das sei zuge­ge­ben, der Boden sah sogar für meine igno­ran­ten Augen nicht gerade aus wie der glatt asphal­tierte Formel-1-Belag in Sin­ga­pur. So führte Stur­heit zum Einen und grund­lose Zuver­sicht zum Ande­ren.


Die erste Ana­lyse der ver­fah­re­nen Situa­tion ist zumin­dest erhel­lend. Ein­deu­tig, mein Cam­per­van hat kein Allrad-Antrieb. Das war mir als Auto­null so noch nicht abschlie­ßend klar. Keine zwei Minu­ten ver­ge­hen, da naht auch schon der erste Papa­razzi. In Form von Johan aus Kanada. Glück­li­cher­weise will sich Johan nicht nur am Miss­ge­schick ergöt­zen, son­dern bringt auch gleich eine Schau­fel mit. Vor drei Tagen ist er an glei­cher Stelle eben­falls ein­ge­sun­ken, erzählt er. Zwei Dumme also, das ver­bin­det sofort. Unsere archäo­lo­gi­schen Meis­ter­leis­tun­gen füh­ren zunächst nicht zum Erfolg. Die Aus­gra­bun­gen rund um die Hin­ter­rei­fen las­sen Krissy nur wenige Zen­ti­me­ter zurück­rol­len. Wir begin­nen, Äste und Holz­stü­cke zu sam­meln, um sie als sta­bi­le­ren Grund zu nut­zen. Nutz­los. Johan will mich schließ­lich abschlep­pen. Grund­sätz­lich kein Vor­ha­ben, das es zu ver­hin­dern gilt, doch Johan ist ein Mann und mein Cam­per­van im Kies. Den­noch stimme ich zu. Das Seil ent­puppt sich jedoch als Angel­schnur. Krissy bleibt trotz gefühl­volls­tem Gaspedal-Hauchen hart­nä­ckig. Mehr Holz muss her. Mehr und mehr Kies wird zur Seite geschafft, bis schwarze Erde zu sehen ist. Zusätz­lich schiebt Johan nun an. Tja, und nach 40 Minu­ten Sandkasten-Action bin ich wie­der raus. Habe die zwei Meter aus dem Kiesgruben-Gefängnis hin­ter mich gebracht. Johan grinst, ich würde ihm gerne ein oder zwei Fla­schen Bier aus­ge­ben, bin aber alko­hol­los unter­wegs. Der Kana­dier kom­men­tiert gelas­sen. Immer­hin habe er so etwas zu tun gehabt. Brav parke ich auf dem fes­ten Unter­grund neben dem Toi­let­ten­häus­chen. Bis Ein­bruch der Dun­kel­heit haben mich meh­rere Cam­per­vans umstellt. Da ist sie also doch, die Sar­di­nen­büchse. Wie langweilig.

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Der geneigte Leser mag sich manch­mal fra­gen, ob er dem Autor die mär­chen­haf­ten Beschrei­bun­gen über die Süd­in­sel von Neu­see­land wirk­lich in vol­lem Maße abneh­men kann? Ob das nicht etwas zu viel an Pathos und Ehr­furcht ist? Fjorde gibt es auch in Nor­we­gen. Glet­scher in der Schweiz, Meer in der Tür­kei, Regen­wald in Indo­ne­sien. Die Liste lässt sich end­los fort­füh­ren.
Als ich in Glen­or­chy auf einem schma­len, moos­be­wach­se­nen Pfad durch einen Buchen­wald lief, hab ich mir auch gedacht: Das fin­dest du auch in Deutsch­land, in Baden-Württemberg, nicht weit weg von Ulm, direkt vor dei­ner Haus­tür. Doch es gibt ihn eben, den klei­nen Unter­schied. Ich muss nicht nach Nor­we­gen, Spa­nien, Asien oder Süd­ame­rika fah­ren, um nach­ein­an­der all das zu erle­ben. Alles finde ich inner­halb von Stun­den in Neu­see­land. Und manch­mal glänzt das Was­ser viel­leicht einen Tick blauer, als es eigent­lich ist. Oder der Regen­wald strahlt grü­ner, als er es eh schon tut. Weil man eben in Neu­see­land ist und immer wie­der die­ser Wow-Moment kommt. Wenn sich die Land­schaft schlag­ar­tig ändert und selbst das Meer nicht ein­fach nur­mehr Meer ist. Gäbe es eine Chart­liste mei­ner meist genutz­ten Worte, „Wahn­sinn“, „unfass­bar“, „sen­sa­tio­nell“, wür­den sich Platz eins tei­len. Ich sitze wirk­lich oft im Auto, gucke nach drau­ßen und sage zu mir selbst: „Guck dir das an!“. Dabei gucke ich ja schon längst. Aber irgend­wie muss man sich das ja begreif­lich machen. Ein Natio­nal­park folgt in die­sem Land auf den ande­ren. Jeder hat seine Beson­der­hei­ten, bie­tet neue Über­ra­schun­gen, sorgt wie­derum für Abwechs­lung. Soviel auf so klei­nem Raum. Das ist das eigent­li­che Mär­chen der Süd­in­sel von Neu­see­land.


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5401 Kilo­me­ter in 43 Tagen auf der Süd­in­sel. Als ich in den fahl beleuch­te­ten Innen­raum der Fähre von Pic­ton nach Wel­ling­ton fahre, über­rascht mich der Blick auf den Kilo­me­ter­zäh­ler dann doch. Im Schnitt bin ich 125 Kilo­me­ter pro Tag gefah­ren. Gut und gerne zehn Liter schluckt der Toyota auf 100 Kilo­me­ter. Alle 500 Kilo­me­ter steht spä­tes­tens die Fahrt zur Tank­stelle an. Kurzum: Alte Autos in Neu­see­land durch die Gegend zu fah­ren kos­tet. Hab ich zu Beginn noch die Quit­tun­gen ganz deutsch, also gründ­lich, auf­ge­ho­ben, lasse ich sie mitt­ler­weile gleich an der Kasse zurück. Gezahlt ist ja doch gezahlt. Im Durch­schnitt kos­tete der Liter auf der Süd­in­sel 2,20 – 2,25 Dol­lar (knapp 1,40 Euro). In abge­le­ge­nen Gebie­ten wie etwa am Franz-Josef-Gletscher bis zu 2,50 $ (1,55 Euro). So werde ich am Ende der zehn Wochen mehr Geld für Sprit als für die Campervan-Miete aus­ge­ge­ben haben. Etwas Erleich­te­rung für den Geld­beu­tel aber naht. Auf der Nord­in­sel lie­gen die Spri­preise meist deut­lich unter zwei Dol­lar (1,20 Euro).

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