Neuseeland
Dezember 1, 2014

Mein Neu­see­land (44 - 46)


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Der Tag beginnt nie­der­schmet­ternd. Ich habe den Wecker auf sie­ben Uhr gestellt, schlafe aber über eine Stunde län­ger, nach­dem ich einen kur­zen Blick aus dem Fens­ter werfe. Es nie­selt, die Gip­fel des Ton­gar­iro Natio­nal Park sind in Wol­ken gehüllt. Die Vor­her­sage vom Info-Center liegt voll dane­ben. Ges­tern schien noch uner­war­tet ein paar Stun­den die Sonne, heute sollte der beste Tag einer ver­reg­ne­ten Woche fol­gen. Die Rea­li­tät ist grau und son­nen­los. Umso ärger­li­cher, da auf dem Bei­fah­rer­sitz Steig­ei­sen lie­gen, mit denen ich den Mount Ngau­ru­hoe (auch bekannt als Mount Doom aus Herr der Ringe) trotz den Schnee­fäl­len in den ver­gan­ge­nen Tagen ange­hen wollte. Miss­mu­tig, aber trot­zig fahre ich trotz­dem zum Start­punkt. Obwohl schon fast zehn Uhr, begin­nen immer noch einige dick ein­ge­packte Wan­de­rer das Ton­gar­iro Alpine Cros­sing, eine popu­läre 19 Kilo­me­ter lange Berg­que­rung, die unter ande­rem am Fuss des Mount Ngau­ru­hoe ent­lang führt. Doch vom Steil­hang des 2500 Meter hohen Vul­kans ist nichts zu sehen. Auch nach einer wei­te­ren Stunde nicht.
Klar könnte ich trotz­dem los­lau­fen. Das würde aber genau­so­viel Sinn machen wie Tau­chen im Ama­zo­nas. Also lasse ich es, bringe die Steig­ei­sen zurück und setze einen Haken hin­ter das Kapi­tel Ton­gar­iro Natio­nal Park. Das stinkt mir gewal­tig, sind es doch die letz­ten hohen Berge für mich in Neu­see­land. Doch noch län­ger aus­zu­har­ren scheint zweck­los. Zwei­ein­halb Tage bin ich schon hier, drei Stun­den Sonne gab es bis­her. Und auch die nächs­ten fünf Tage sol­len reg­ne­risch blei­ben. Nie­der­schmet­ternd – auch für die Laune.

Video dazu

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Der Abend hält immer­hin noch etwas Amü­san­tes parat. Es geht hinab nach Taupo. An den gleich­na­mi­gen See. Dort will ich Fall­schirm­sprin­gen. Wenn es denn das Wet­ter zulässt. Denn Fall­schirm­sprin­gen bei dich­ten Wol­ken und Nebel ist, genau – wie Tau­chen im Ama­zo­nas. Keine vier­zig Minu­ten fahre ich, da scheint die Sonne. Der Him­mel wird immer blauer. Ich immer noch miss­mu­ti­ger. Das schlechte Wet­ter scheint nur an und in den Ber­gen zu hän­gen, hier lässt es sich wie­der im T-Shirt spa­zie­ren.

Keine zwei Kilo­me­ter vom Stadt­zen­trum gibt es einen kos­ten­lo­sen Cam­ping­platz, wirk­lich idyl­lisch am Fluss gele­gen. Idyl­lisch, zen­tral und umsonst, das zieht alle an. Ob Cam­pende im Auto, mit Zelt oder Ein­hei­mi­sche, die hier den Nach­mit­tag ver­brin­gen. Auch unsym­pa­thi­sche Zeit­ge­nos­sen. So sitzt und liegt da eine zehn­köp­fige Gruppe, einige offen­sicht­lich ordent­lich betankt, gröl­lend und sin­gend inmit­ten des Cam­pings­plat­zes. Einer der Halb­star­ken lässt es schließ­lich nicht neh­men, mit quiet­schen­den Rei­fen durch die Gegend zu fah­ren und Donuts auf der Wiese zu dre­hen. Der Dreck spritzt, die Lack­af­fen joh­len.
Ein kla­rer Fall, auch ohne ärzt­li­che Unter­su­chung: Das beste Stück eines jeden Ein­zel­nen ist zu klein gera­ten, die feh­lende Größe muss durch gesell­schaft­lich kri­tisch gese­hene Hand­lun­gen kom­pen­siert wer­den. Lange geht das nicht gut. Dann rückt die Poli­zei an. Und macht auch auf dicke Hose. Ein Strei­fen­wa­gen nach dem ande­ren erreicht die Cam­ping­bucht. Sie­ben sind es am Ende. Die Cam­ping­ge­meinde wird zur Beweis­füh­rung hin­zu­ge­zo­gen, auch ich darf kurz aus­sa­gen, ehe ein Abschlepp­wa­gen anrückt. Das Auto des Kringel-Meisters wird mit­ge­nom­men, ein betrun­ke­ner Pro­vo­ka­teur im Strei­fen­wa­gen ver­frach­tet. Gro­ßes Inter­esse ruft das bei den Ande­ren aber nicht her­vor. Nach­dem die Poli­zei­ar­mada nach 90 Minu­ten abzieht, geht das rück­sichts­lose Gehabe wei­ter. Bis tief in die Nacht wird gegröllt und laute Musik gehört.

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Auf der Coromandel-Halbinsel. Einer Region mit über­wie­gend dich­tem Wald und vie­len san­di­gen Buch­ten. Frü­her ein umtrie­bi­ger Ort für Gold­su­cher (durch bis 500 Meter lange, schul­ter­hohe Tun­nel kann man heute noch wan­dern), heute ein Tou­ris­ten­mekka. Coro­man­del ist auch bei der ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung beliebt, liegt es doch nur gut eine Stunde süd-östlich von Auck­land. Die Schlecht­wet­ter­front der ver­gan­gene Tage hat sich in Dau­er­son­nen­schein gedreht. Mor­gens wird es im Kof­fer­raum mei­nes Cam­per­vans mitt­ler­weile ordent­lich warm. Was nicht zuletzt auch daran liegt, dass ich mit Him­mels­rich­tun­gen nicht umge­hen kann und abends meist so parke, dass ich mor­gens gleich die ers­ten Son­nen­strah­len noch direkt in mei­ner Tief­schlaf­phase abkriege. Was dann nur noch hilft, ist der Griff an die Schie­be­türe, um der küh­len Mor­gen­luft Ein­lass zu gewäh­ren. Lange ist dann trotz­dem nicht mehr an Träu­men zu den­ken.

Mit Schmun­zeln erin­nere ich mich dabei an einen mei­ner Österreich-Ausflüge nach Kuf­stein. Zusam­men mit einem Schul­freund und dama­li­gen Mit­be­woh­ner in Hei­del­berg. Es waren Zei­ten des Auf und Abs damals, was sich im End­ef­fekt nur auf eine Sache bezog: Pokern. Wir waren seit Mona­ten infi­ziert, zock­ten noch am Abend vor dem Deutsch-Abitur und spä­ter näch­te­lang online, hol­ten oft als letz­ten Akt vor dem Schla­fen die Bröt­chen vom Bäcker. In Kuf­stein gab es, nicht weit von der Grenze, ein für uns maß­ge­schnei­der­tes Kasino. Mit über­schau­ba­ren Ein­sät­zen, wenn auch nach oben ohne Gren­zen.
Wir aber woll­ten die­ses Mal immer­hin an der Über­nach­tung spa­ren. Anstatt das kleine Zim­mer in einer net­ten Pen­sion auf einer Anhöhe über Kuf­stein zu neh­men, in dem wir uns wäh­rend des ers­ten Besuchs vor etli­chen Mona­ten fit schlie­fen, park­ten wir das Auto unter einem Baum direkt davor. Nur die Dusche im Erd­ge­schoss woll­ten wir nut­zen. So der Plan. Der gründ­lich schief­ging. Denn auch in Kuf­stein waren die Poker­nächte lang und wir gin­gen dann ins Bett, als Andere längst bei der Arbeit waren. Doch es war Som­mer, was uns Nacht­ar­bei­tern böse in die Kar­ten spielte. Denn der Park­platz unter dem Baum blieb nicht lange schat­tig. Wir kämpf­ten lange mit uns, muss­ten aber im Schweiße unse­res Ange­sichts (und Nicht-Schlafs) schon am ers­ten Mit­tag ein­se­hen, dass das Auto nicht der pas­sende Ort zum Aus­ru­hen war. Klein­laut zogen wir aus dem hit­ze­ge­la­de­nen Innen­raum ins kühle Pen­si­ons­zim­mer. Absurd genug, das Vor­ha­ben, Geld beim Schla­fen zu spa­ren, wäh­rend man in der Nacht stun­den­lang dut­zende Euros in die Mitte eines mit Filz bezo­ge­nen Tisches wirft. (Un-)Logik kennt keine Gren­zen.

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