Neuseeland
Dezember 5, 2014

Mein Neu­see­land (47 - 50)


47

Der Begeisterungs-O-Meter erreicht auf der Nord­in­sel nicht mehr ganz so oft den Höchst­wert. Doch Ein­stein wusste schon: Alles ist rela­tiv. War die Süd­in­sel wun­der­schön, so ist der Nor­den für mich eben nur schön. Und das liegt dann eben doch eine Ebene tie­fer, obwohl immer noch weit oben. Viel­leicht war aber auch das Wet­ter in den ers­ten Tagen ein­fach zu schlecht. Oder ich bin verwöhnt.

Dafür erlebe ich aber haut­nah die Gast­freund­schaft der Neu­see­län­der. Etwa in Oparau, wo Bill und Brenda seit über 20 Jah­ren leben und neben ihrer Tank­stelle ein Haus errich­tet haben. Hier kön­nen Rei­sende Küche, Wasch­ma­schine, Wohn­zim­mer und Bad benut­zen und – umsonst über­nach­ten (Video dazu). Oder auf der Coromandel-Halbinsel. Als ich einen Plat­ten bemerke, rette ich mich zur nächs­ten Tank­stelle. Paul, der Inha­ber, weiß – im Gegen­satz zu mir - wo das Ersatz­rad zu fin­den ist, borgt mir einen ver­nünf­ti­gen Wagen­he­ber und so wechsle ich zum ers­ten Mal in mei­nem Leben einen Rei­fen. Da Paul auch das weiß, wirft er bei der Ver­ab­schie­dung noch einen prü­fen­den Blick auf meine Mecha­ni­ker­fä­hig­kei­ten. Abge­seg­net. Da es Sonn­tag ist, tuckere ich mit dem Ersatz­rei­fen Rich­tung Auck­land. Meine Miet­wa­gen­firma hat mir dort die Adresse einer Werk­statt gege­ben. So muss ich nur den neuen Rei­fen bezah­len, nicht aber auch noch die Anfahrts­kos­ten des Notfallservice.

Ein indisch­stäm­mi­ger Mecha­ni­ker nimmt sich mei­ner Sache am nächs­ten Mor­gen an. Er fragt mich, wie es mir bis­her gefällt, ich zeige mich mal wie­der äußerst begeis­tert, bis eben auf die Tat­sa­che, dass ich jetzt die­sen teu­ren Rei­fen zu bezah­len hätte. Nach­dem mein neuer Freund inner­halb von drei Minu­ten den Ersatz­rei­fen ab- und den neuen Rei­fen auf­ge­zo­gen hat (das dürfte in etwa 15 mal schnel­ler gewe­sen sein als ich am Vor­tag) müsste ihm die Tou­ris­mus­bran­che jetzt eigent­lich einen Orden ver­lei­hen. Denn auf die Frage, was mich das ganze Unheil kos­tet, winkt der Inder ab und sagt: „Passt schon, nichts, du bist doch Tou­rist.“ Der Tou­rist ist dar­auf­hin hell­auf begeis­tert, bedankt sich über­schwäng­lich und denkt sich: Tou­rist musst du sein!

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Was­ser­fälle sind ja so eine Sache. Tou­ris­mus­ma­na­ger lie­ben sie. Genau so wie heiße Quel­len. In Neu­see­land ist daher so ziem­lich jedes Auf­fang­be­cken als Was­ser­fall aus­ge­schil­dert. Auch ich kann mich ihnen nicht ent­zie­hen. Auf Dauer schlägt aber immer wie­der mal der Wasserfall-Overkill durch. Schließ­lich gibt es auch in Asien fal­len­des Was­ser am lau­fen­den Band. Nicht aber bei den 180 Meter hohen Wai­mere Falls. Eigent­lich bin ich wegen des Weges zum Was­ser­fall gekom­men. Denn der führt durch steile Wald­ab­schnitte und in die Fel­sen gehauene Trep­pen­kon­struk­tio­nen direkt an die Kante. Oben ange­kom­men erwar­tet mich aber kei­nes­falls ein freier Blick in die Tiefe. Im Gegen­teil. Das Was­ser peitscht direkt auf mich zu. Von­we­gen Fall, das hier ist ein Wasser(auf)stieg. Der Wind drückt Teile des Was­sers aus dem freien Fall direkt wie­der nach oben, ziel­ge­rich­tet auf die schmale Aus­sichts­platt­form. Und kei­nes­wegs ist das nur Sprüh­ne­bel. Das Ganze gleicht einer Dusche mit ordent­lich Druck. Inner­halb der ers­ten Minute vor Ort bin ich dann auch frisch gewa­schen. Nur mit Mühe kann ich ein paar Fotos schie­ßen, ohne dass die Kamera gleich dem Was­ser­tod erliegt. Dan­kens­wer­ter­weise scheint die Sonne bei 25 Grad und so bin ich nach dem ein­stün­di­gen Rück­weg fast wie­der voll­stän­dig tro­cken. Und der posi­tivste Neben­ef­fekt fällt mir jetzt erst auf. Meh­rere Par­ti­kel, die sich schon vor eini­ger Zeit vor die Kame­ra­l­inse ver­irrt hat­ten und seit­dem für fiese schwarze Punkte im Bild sor­gen, sind ver­schwun­den. Wie weg­ge­wa­schen. Natur besiegt Tech­nik. Wie­der ein­mal. (Lange hielt das Glück aber nicht.)

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Ich liebe es, bar­fuß zu lau­fen. Darum sind mir die Neu­see­län­der auch sym­pa­thisch. Denn Neu­see­land ist ein Barfuß-Land. Auf der Süd­in­sel sah ich die Ein­hei­mi­schen auf­grund der über­wie­gend win­ter­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren noch sel­ten ohne Schuhe. Unan­ge­passt haben aber damals schon die meis­ten Flip-Flops bevor­zugt. Jetzt, da seit meh­re­ren Tagen die Tem­pe­ra­tu­ren bis an die 25-Grad-Grenze stei­gen, sieht man sie über­all: Die Bar­fü­ßi­gen. An der Tank­stelle, im kli­ma­ti­sier­ten Super­markt oder am Fish n’ Chips-Stand. Ganz im Gegen­satz zu ande­ren Län­dern, ist Bar­fuß­lau­fen am ande­ren Ende der Welt kein Zei­chen von Armut. Im Gegen­teil. Hier im Pazi­fik ist es ein Zei­chen von Luxus und der Aus­druck von Frei­heit. Schuh­los, aber glücklich.

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Es ist eigen­ar­tig. Da haben sich die Neu­see­län­der als natio­na­les Sym­bol einen flug­un­fä­hi­gen und nicht gerade form­schö­nen Vogel aus­ge­sucht – den Kiwi. Und dann begeg­net man die­sem scheuen Objekt mit dem lan­gen Schna­bel in zwei Mona­ten kein ein­zi­ges Mal. Was aber kein Wun­der ist, denn Kiwis sind rar und in freier Wild­bahn für Men­schen kaum auf­zu­fin­den. Und wenn, dann ohne­hin nur nachts. Des­halb fahre ich zur Halb­in­sel Aroha im hohen Nor­den. Dort gibt es den ver­meint­lich bes­ten Kiwi-Spotting-Platz des Lan­des. Ein 20-minütiger Weg führt rund um einen Cam­ping­platz durch Busch und Bäume. Und so kommt es ab 22 Uhr regel­mä­ßig zu einer sku­rill anmu­ten­den Vogel­hys­te­rie, wenn sich Kiwi-Suchende, nur mit Rot­licht bewaff­net, im stock­dunk­len Wald über den Weg lau­fen. Den gan­zen Tag bin ich schon unru­hig und alles andere als gelas­sen. Nach zwei Run­den setze ich mich dann auch unge­dul­dig ins Gras neben den Pfad, höre zwar immer wie­der ein Rascheln im Dickicht, kann aber kei­nen Kiwi sich­ten. Dann ver­lässt mich auch die letzte innere Ruhe und ich gebe nach ein­ein­halb Stun­den die Suche auf. Ohne den belieb­tes­ten Vogel des Lan­des zu Gesicht bekom­men zu haben (so wie abge­bil­det soll er aber aus­se­hen).
Quelle: Wikipedia

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