Neuseeland
Oktober 23, 2014

Mein Neu­see­land (7 - 10)

7

Ich gebe gern den Asia­ten. Den Klischee-Asiaten. Den, der stets die Kamera im Anschlag hat und alles foto­gra­fiert, was vor die Linse kommt. Bevor­zugt vor aus­tausch­ba­ren und nichts­sa­gen­den Hin­ter­grün­den. Schon in Asien habe ich tau­sende Bil­der geschos­sen. Das mit den aus­tausch­ba­ren Hin­ter­grün­den ver­su­che ich aber zu ver­mei­den. Hier setzt sich die Foto­ma­nie fort. So lässt sich der Moment nicht genie­ßen, sagen die Einen. Sol­len sie nur den­ken. Ich brau­che die Bil­der. Um mich zu erin­nern, um spä­ter in Erin­ne­run­gen zu schwel­gen. Zu viel pras­selt auf einen ein, jeden Tag. Ein­drü­cke, Momente, Situa­tio­nen. Bil­der hal­ten für mich zumin­dest einige die­ser Augen­bli­cke fest. Holen Ver­bor­ge­nes her­vor, was sonst längst schon aus dem Gedächt­nis gestri­chen war.

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Auf dem Park­platz vor einem Super­markt in Twi­zel. Ein Neu­see­län­der, Mitte 30, sieht mich mit der Land­karte han­tie­ren und begrüßt mich. „How are you going?“ Die typi­sche Frage eines Ein­hei­mi­schen. Egal bei wel­chem Auf­ein­an­der­tref­fen. Fragt der Kas­sie­rer in Deutsch­land nach dem per­sön­li­chen Befin­den? Im Schlepp­tau, ein deut­scher Back­pa­cker, eben­falls mit einem alten Toyota unter­wegs, ohne wer­bende Schrift aber. Couchsurfing-Freunde sind die bei­den. Ich bin unschlüs­sig, wo ich hin will. Das sehen die bei­den mir an. Erst die Küste run­ter, und dann Queens­town. Oder gleich in die Action­haupt­stadt? Wir ent­schei­den uns gemein­sam für die Ost­küste, dann der Bogen zum Mil­ford Sound und dann ab nach Queens­town. Manch­mal kön­nen Ent­schei­dun­gen ganz sim­pel sein.

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Also geht es von Twi­zel über Oma­rama nach Oamaru. Zurück an die Ost­küste. Der Wind bläst hier noch hef­ti­ger als in den Ber­gen. Die Roaring For­ties, die stür­mi­schen West­winde zwi­schen dem 40. und 50. süd­li­chen Brei­ten­grad sor­gen das ganze Jahr über für unbe­stän­di­ges Wet­ter an der Küste. So auch heute. Immer wie­der schau­ert es. Nie ebbt der Wind ab. Auch nicht an der Sand­fly Bay, die ihre Schön­heit aber dadurch nicht ver­liert. Kurz nach 17 Uhr komme ich an. Pünkt­lich, um Pin­guine zu sehen, die vom Meer zurück­keh­ren. Ein schma­ler Weg führt in Ser­pen­ti­nen hin­un­ter zur Bucht, endet schließ­lich in rie­si­gen Sand­dü­nen. Ein See­löwe liegt auf einer der Dünen und sonnt sich. Über der Kuppe dann freie Sicht auf das Ufer. Gut ein Dut­zend See­lö­wen liegt schla­fend am 30 Meter brei­ten und 500 Meter lan­gen Strand. Sand peitscht von den Dünen gen Meer (daher der Name Sand­fly Bay, in Anspie­lung auf die wie läs­tige Flie­gen umher­schwir­ren­den Sand­kör­ner). Ein beson­ders fet­ter Löwe sult sich im Sand und scheint die men­schen­feind­li­chen Bedin­gun­gen abso­lut zu genießen.

Am ande­ren Ende des Strands finde ich Schutz im Pin­guin­pos­ten, einer erhöht gele­ge­nen Holz­hütte. Von hier soll man die sel­te­nen und bedroh­ten Yellow-eyed pen­gu­ins (Gelbaugen-Pinguine) beob­ach­ten kön­nen, die kurz vor Son­nen­un­ter­gang an Land zurück­keh­ren. Eigent­lich. Mehr als ein paar wei­tere drol­lige See­lö­wen zei­gen sich aber nicht mehr. Ein Scherz­keks hat sich einen Spaß erlaubt und über den Aus­guck gepin­selt: „Day 26 – still no pen­guin.“

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Seine bei­den Söhne wür­den gerade nach Paua tau­chen, den „deli­cious“ schme­cken­den Muscheln, die an Stei­nen im Meer kle­ben. Groß­ar­tig seien aber auch White Baits. Durch­sich­tige Fische, die zehn Wochen in Jahr vom Meer aus fluss­auf­wärts schwim­men und und gebra­ten mit Ei eine abso­lute Spe­zia­li­tät dar­stel­len. Sagt er, der alte Neu­see­län­der (nen­nen wir ihn so, den Namen habe ich ver­ges­sen). Über 70 wird er sein, die Mütze tief ins Gesicht gezo­gen, die Ohren spitz wie die von Elfen. Und da steht er im Wind und legt los, irgendwo hier auf einer Klippe zwi­schen Oamaru und Dun­edin.
Hin­ter uns liegt ein brau­ner See­löwe im Gras, vor uns krei­sen die Möwen über dem Fels. Die Asia­ten seien die Schlimms­ten. „Crazy people – can’t drive cars.“ Mitt­ler­weile gäbe es viele Miet­fir­men, die keine Autos mehr an Asia­ten ver­leih­ten. Zurecht, fin­det er und ahmt einen Anruf nach. „Where are you from?“ – „Ger­many – ok!“ – „Eng­land – ok!“ - „Aus­tra­lia? – Yes!“ – „Asia? – We don’t have a car for you!“ Wenn die Ret­tungs­hub­schrau­ber aus Dun­edin star­te­ten, sei das Ziel meist der High­way. Wie­der ein Unfall. Die einen fah­ren zu lang­sam und pro­vo­zie­ren den Crash, die ande­ren fah­ren zu schnell. Und dann die­je­ni­gen, die die Stra­ßen­seite immer wie­der ver­wech­seln, erzählt er. Dann könne man nur noch hof­fen, dass die „bloody Asi­ans“ wenigs­tens nicht ihr Leben gelas­sen haben.
Er ist herr­lich ehr­lich, nimmt kein Blatt vor den Mund. Ver­steht die kon­fu­sen, dann oft wie­der über­mü­ti­gen Asia­ten nicht. Im gepan­zer­ten VIP-Bus und als Schwarm auf­tre­tend sind sie mir auch lie­ber.

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1 Comment

  • […] bevor sie lai­chen kön­nen und für bis zu 90 Dol­lar das Kilo unter die Leute gebracht. Der schimp­fende Neu­see­län­der an der Ost­küste schwärmte von White Baits. Die Fische wer­den nicht aus­ge­nom­men, ein­fach direkt in Ei gekippt. Neun Dol­lar (5,70 […]

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