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März 20, 2014

Rei­sen ohne Gewähr


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Wahl­weise beson­ders intel­li­gent, extrem sport­lich oder äußerst wiss­be­gie­rig sind sie alle. Ich mag sie nicht, diese Vor­stel­lungs­plat­ti­tü­den über Kan­di­da­ten in Quiz­sen­dun­gen und Spiel­shows. Am Ende kommt doch alles ganz anders. Die Haus­frau wird Mil­lio­när, der Gour­met­koch schei­tert bereits beim Ein­log­gen der rich­ti­gen Kar­tof­fel­sorte. Dabei muss­ten doch beide erst kurz vor­her beteu­ern, auch wirk­lich gewin­nen zu wol­len. Mög­lichst viel auch noch. Und was machen sie dann mit dem Geld? Hat die Ehe­frau auch schon Ansprü­che ange­mel­det? Lacher im Publi­kum. Ach ja: Und die Fra­gen seien wirk­lich nicht so ein­fach, das müsse man hier vorab noch­mals beto­nen. Aber die Kan­di­da­ten ja auch beson­ders klug. Stimmt, da war ja was… Ich liebe sie, diese inhalts­lo­sen Johannes-B.-Kerner-Sätze. Mehr­wert­los ver­packt in Schach­tel­sätze, von denen es Deutsch­leh­rern seit jeher graut. Es gibt Schlim­me­res, das gehört zur Show, sage ich mir dann in Gedan­ken - ganz inhalts­schwer natürlich.

Oder Sport: Ich liebe Sport. Vor dem Fern­se­her bin ich da ein ganz Gro­ßer. Mor­gens um halb sie­ben habe ich den Hackl-Schorsch in Nagano zu Olympia-Gold rodeln sehen. Von den 64-Fußball-WM-Spielen in Deutsch­land ist mir auch Togo gegen die Schweiz wirk­lich gut in Erin­ne­rung geblie­ben. Doch warum brau­chen Fuß­ball­spiele so viel Vor­be­richt­er­stat­tung? So viel Wenn-Dann-Denn? Die Ehepaar-Komik von gut geschei­tel­ten Del­lings und Net­zers in allen Ehren, aber bana­ler kann man die Minu­ten bis zum Anpfiff nicht über­brü­cken. Nach­dem die tief­sin­nigs­ten Auf­stel­lungs­fra­gen auch abschlie­ßend nicht geklärt wer­den konn­ten, noch schnell der obli­ga­to­ri­sche Tipp für’s Spiel. Der wird gern abge­si­chert durch Rela­ti­vie­run­gen. Das vir­tu­elle Phra­sen­schwein füllt sich wei­ter. Die deut­schen Kom­men­ta­to­ren der Darts-WM haben sich dazu ver­pflich­tet, für jede Phrase wäh­rend der Über­tra­gungs­zeit fünf Euro in ein Geld­schwein zu wer­fen - für einen guten Zweck. Das nenn ich mal Selbst(er)kenntnis! 800 Euro sind die­ses Jahr in sech­zehn Tagen zusammengekommen.

Über ein Jahr, viel­leicht fünf­zehn oder sech­zehn Monate ist es jetzt her. Als ich von einem auf den ande­ren Tag auf die Doku­se­rie „Depar­tures” stieß und hän­gen blieb. Hän­gen blieb auf zwei jun­gen Ker­len, die von Kame­ra­teams auf ihrem Trip durch dut­zende Län­der beglei­tet wur­den. Der Zufall half mir mal wie­der - es war eine die­ser Youtube-Spielereien, die einen stun­den­lang von der Arbeit abhal­ten kön­nen. Und es kamen erste Gedan­ken auf, auch zu rei­sen, viel­leicht Ähn­li­ches zu erle­ben. Irgend­et­was in mir hat sich in die­ser Zeit dazu ent­schlos­sen, das auch zu machen. Bis heute weiß ich nicht genau was - und ob es wirk­lich das Rich­tige ist. Die ers­ten Wochen schmun­zelte ich über mich selbst, schüt­telte den Kopf, wäh­rend ich daran dachte. Die Idee, ein Jahr lang zu rei­sen, war zu groß, um sie greif­bar zu machen. Schließ­lich war ich noch nie außer­halb Euro­pas. Aus einem Machst-du-eh-nie ist ein Will-ich-unbedingt-machen gewor­den. Freunde und Arbeits­kol­le­gen haben seit­dem viele Tipps ver­ra­ten. Geblie­ben sind Mut­ma­ßun­gen und Spe­ku­la­tio­nen. Schließ­lich ist der Film oft doch nicht so wie es der Trai­ler ver­spricht. Fra­gen wer­den kom­men, wenn die Rea­li­tät die Theo­rie überholt.

Meine WG-Mitbewohner in Mainz haben mich die ver­gan­ge­nen Monate - nicht ganz ernst gemeint - immer das Glei­che gefragt, wenn Geschich­ten aus fer­nen Län­dern zur Spra­che kamen: Du warst doch da sicher schon mal? Erzähl mal! Theo­re­tisch habe ich die Welt sicher zwei Mal umrun­det. Theo­re­tisch weiß ich, wie viele Stun­den der Nacht­zug aus Bang­kok nach Chiang Mai braucht. Ich hab mir sagen las­sen, dass es nie schlecht ist, Klo­pa­pier in Asien dabei zu haben. Und theo­re­tisch bin ich dar­auf vor­be­rei­tet, dass die Trekking-Routen in Neu­see­land oft schon wochen­lang vor­her aus­ge­bucht sind. Wenn eben nichts Unvor­her­ge­se­he­nes pas­siert. Prak­tisch weiß ich aber nichts. Trotz unzäh­li­ger Wochen in Weltreise-Foren und Rei­se­b­logs. Ich habe gemerkt, dass ich aber auch nicht groß pla­nen will. Nicht wis­sen will, was auf mich zukommt. Mir keine fest­ge­leg­ten Rei­se­rou­ten aus­su­chen will. Erst mal wer­den es zwei, drei Tage Bang­kok sein - und dann mal schauen.

Ganz ohne Vor­be­rei­tung geht es aber auch nicht.

Nach dem ers­ten Impfkosten-Schock han­gelte ich mich immer wei­ter ent­lang an Reise-Vorbereitungs-To-Do-Listen. Die gibt es noch infla­tio­nä­rer als Fuß­ball­ex­per­ten im Fern­se­hen. Oft genau so ober­fläch­lich. Vie­les davon habe ich ernst genom­men, Etli­ches im Hin­ter­kopf behal­ten, Ande­res unein­sich­tig weg­ge­nickt. Ich mag es nicht, Lis­ten­punkte abzu­ha­ken. Die unzäh­li­gen Rat- und Vor­schläge haben mir aber Ori­en­tie­rung gege­ben und gezeigt, wie etwas sein könnte. Ganz ohne Gewähr. Wie die Lot­to­zah­len. Man weiß nie, was kommt. Sich Gedan­ken über Rei­se­rou­ten und Aus­rüs­tung zu machen, zu träu­men und Pläné zu schmie­den - das gehört aber eben dazu. Genau so wie Vor­stel­lungs­plat­ti­tü­den in Quiz­sen­dun­gen oder Flos­keln beim Fuß­ball. Ohne geht irgend­wie auch nicht. Am Ende kommt dann doch alles ganz anders. Ich glaube, das ist gut so.

Das Klo­pa­pier ist auf jeden Fall eingepackt.

 

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