Myanmar
Mai 25, 2014

Vier Wochen Myan­mar - Das Video

Ver­gan­gen­heit

Die ers­ten 172 Kilo­me­ter von der thai­län­di­schen Grenz­stadt Mae Sai bis nach Keng­tung sind ein Puz­zle­teil der düs­te­ren Ver­gan­gen­heit von Myan­mar. Der ver­stor­bene Spiegel-Journalist Tiziano Ter­zani bezeich­nete sie 1993 als „Straße der Hab­gier und des Schre­ckens”. Sie war damals die erste Land­ver­bin­dung zwi­schen Myan­mar und der Außen­welt. Tau­sende Zwangs­ar­bei­ter muss­ten sie bauen - an Eisen­ket­ten gebun­den und von Mala­ria geplagt. Der Trans­port von Opium und Heroin war All­tag. Sie­ben Stun­den dau­erte die Fahrt für Ter­zani nach Kengtung.

Kengtung

21 Jahre spä­ter bin ich nach sechs Stun­den am Ziel. Erst Wochen spä­ter, längst habe ich Myan­mar ver­las­sen, lese ich über die gräss­li­che His­to­rie die­ses Stra­ßen­baus. Heut­zu­tage sind es immer noch in etwa 170 Kilo­me­ter. Ich erin­nere mich an eine durch­ge­hend geteerte Straße mit vie­len Schlag­lö­chern und einen lang­sa­men, aber zuver­läs­si­gen Bus. Die Men­schen an den Stra­ßen fei­er­ten das neue Jahr und bespritz­ten jeden mit Was­ser, der ihren Weg kreuzte.

Nichts ist geblie­ben von damals. Natür­lich, mag man sagen. Natür­lich sind da keine ange­ket­te­ten Men­schen mehr zu sehen, die Steine hauen müs­sen, sagt einem die Logik. Natür­lich hat sich Myan­mar verändert.

Ver­wun­de­rung

Es ist, als würde die­ses Land für einen aus­län­di­schen Besu­cher gleich eine Hand voll ein­hei­mi­scher Hel­fer bereit­hal­ten. In Restau­rants wim­melt es nur so von Ange­stell­ten und Kell­nern, in den Shoppings-Malls der gro­ßen Städte gibt es oft mehr Per­so­nal als Besu­cher.

An mei­nem zwei­ten Tag in einem klei­nen Tante-Emma-Laden-Verschnitt erhalte ich sogar Begleit­schutz, als ich durch die Regale schlen­dere. Ver­wun­dert bli­cke ich das kleine Mäd­chen, kaum älter als fünf­zehn, immer wie­der an. Zum Test laufe ich ein zwei­tes und drit­tes Mal durch die glei­che Regal­reihe, stets hängt das Mäd­chen an mei­nen Fer­sen. Als ich mich für eine Packung Kekse ent­schie­den habe, komme ich nicht weit. Sie nimmt mir mei­nen Ein­kauf aus der Hand und geht zur Kasse. Erst jetzt ver­stehe ich: Das war ein leben­di­ger Ein­kaufs­wa­gen.

Die Quan­ti­tät der Ange­stell­ten sagt in Myan­mar aber nichts über die Qua­li­tät aus. Viel heißt nicht schnell. Beim Abend­es­sen passt das Timing in der Regel nicht und so war­tet einer in der Gruppe schon­mal eine Stunde län­ger auf sein Essen als die ande­ren. Ein Grund zum Ärgern ist das nicht - in einem Land, das über 50 Jahre die Mili­tär­dik­ta­tur als Staats­form hatte. Erst 2010 haben die Gene­räle ein Teil ihrer Macht abge­ge­ben. Myan­mar öff­net sich seit­dem immer mehr gegen­über dem Wes­ten. Jahr­zehn­te­lange Erfah­rung mit Tou­ris­ten gibt es nicht.

Die Bedie­nun­gen haben auf jeden Fall stets ein Lächeln auf dem Gesicht und ist die Rech­nung bezahlt, wird oft neu­gie­rig nach­ge­fragt, woher man denn kommt, wohin man geht und wie es einem bis­her gefällt. Das der Restau­rant­be­such län­ger gedau­ert hat, als geplant, ist dann schnell ver­ges­sen. Die Uhren dre­hen sich hier sowieso anders.

Ver­än­de­rung

Die Ein­flüsse des Tou­ris­mus sind aber offen­sicht­lich. Geld­au­to­ma­ten gibt es mitt­ler­weile nicht nur in Groß­städ­ten in dut­zend­fa­cher Aus­füh­rung. Gäste kön­nen Hotels und Guest­hou­ses aus­wäh­len, die es bis­her in kei­nen Rei­se­füh­rer geschafft haben. In Yan­gon und Man­da­lay gibt es Ket­ten, die auf­fäl­lig bunt ihre Donuts anprei­sen. Dann gibt es aber auch Stra­ßen­züge, die wir­ken, als seien sie aus einer ande­ren Zeit. Häss­lich graue Beton­fas­sa­den, ölige Bord­steine und san­di­ger Asphalt rücken in den Vordergrund.

Über­all prä­gen Fern­se­her das Bild. Abends sit­zen die Mas­sen auf ihren klei­nen Plas­tik­stüh­len vor dem Bild­schirm in der Kneipe und rich­ten ihren Blick starr nach vorne. Nicht sel­ten wird man schon beim Mit­tag­es­sen von drei bis vier TV-Geräten gleich­zei­tig beschallt und man fragt sich, ob das hier vor zehn Jah­ren auch schon so war. Die Grund­stücks­preise in Yan­gon sind in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren um 300 Pro­zent gestie­gen. 25 Shopping-Malls gibt es heute, acht waren es 2011.

Bei der Ankunft am loka­len Bus­bahn­hof in Man­da­lay stür­men dut­zende Taxi­fah­rer das Feld, ehe der Bus über­haupt ange­hal­ten hat. Der große weiße Mann erweckt beson­de­res Inter­esse und ich kann mich vor Ange­bo­ten gar nicht ret­ten. 40 Minu­ten spä­ter im Hotel­zim­mer wird mir dann bewusst, dass ich trotz sechs Stun­den Fahrt ohne Kli­ma­an­lage nicht gleich den erst­bes­ten Preis hätte bezah­len sol­len. Die Ein­hei­mi­schen wis­sen längst, wie Geschäfte mit Tou­ris­ten gemacht wer­den. Kein Unter­schied mehr zu Thai­land etwa. Nur spür­bar teu­rer ist es, auch wenn man einen fai­ren Preis zahlt.

All­tag ist aber auch, wenn eine Gruppe Jugend­li­cher in Man­da­lay, nach Fast-Food von McDo­nalds gefragt, geschlos­sen mit den Schul­tern zuckt. Noch nie haben sie das welt­be­rühmte gelbe Logo des Kon­zerns gese­hen. Und doch scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis inter­na­tio­nale Ket­ten wie 7-Eleven auch Myan­mar bevöl­kern wer­den. Man hört, das die Restrik­tio­nen gelo­ckert wer­den sollen.

Gegen­wart

Keine zehn Rad­mi­nu­ten von Man­da­lays Zen­trum sieht die Gegend rund um den Hafen aus wie aus einer Zeit, die man nur aus Büchern oder Doku­men­ta­tio­nen kennt. Mit­tel­al­ter­li­che Zustände, so das Urteil auf den ers­ten Blick, nur dass viel­leicht die Fäka­lien nicht auf die Straße gekippt wer­den. Holz­hüt­ten prä­gen das Bild, ver­ros­tete Motor­rä­der ste­hen in den Ecken, äch­zende LKW quä­len sich durch den san­di­gen Grund. Auf der höher gele­ge­nen Teer­straße fah­ren die VIP-Busse die Tou­ris­ten in die Stadt.

Am bes­ten leiht man sich einen Rol­ler für wenige Euros am Tag und erkun­det die Umge­bung. Man­da­lay eig­net sich beson­ders dafür. Ama­ra­pura mit der berühm­ten U-Bein-Bridge, der längs­ten Teakholz-Brücke der Welt, ist schnell erreicht. Wenige Kilo­me­ter wei­ter war­ten Saga­ing und Min­gun mit sehens­wer­ten Pago­den und schö­nen Plät­zen für den Son­nen­un­ter­gang. Es genügt aber auch ein­fach nur, rechts oder links von den Haupt­stra­ßen abzu­bie­gen und die Umge­bung auf sich wir­ken zu las­sen. Die Bli­cke der Kin­der wur­den dort immer län­ger ob die­ser wei­ßen Gestalt auf dem Rol­ler und beim Ein­kehr­schwung im Restau­rant war ich urplötz­lich von vie­len neu­gie­ri­gen lau­fen­den Metern umringt.

Die ältere Gene­ra­tion Myan­mars wirkt gelas­sen. Das passt zu einem Land, in dem Rum oder Whis­key bil­li­ger ist als Bier. Die Män­ner mögen es luf­tig. Der Groß­teil von ihnen trägt einen Lon­gyi, eine Art lan­gen Rock, der über­wie­gend im Karo­mus­ter daher­kommt. Hilfs­be­reit sind sie fast alle, auch wenn es mit dem Eng­lisch dann doch oft hapert - trotz der lan­gen Kolo­ni­al­zeit der Bri­ten. Die jun­gen Hotel­an­ge­stell­ten sin­gen unun­ter­bro­chen, hal­ten ihr Mit­tags­schläf­chen auf dem Fuß­bo­den und jagen sich gegen­sei­tig durch die Räume.

Bewun­de­rung

Wenn sich die Back­pa­cker im Zug nach Hsi­paw fra­gende Bli­cke zuwer­fen, sehen die Locals kein Grund zur Beun­ru­hi­gung. Die Fahrt zer­mürbt: Ein ewi­ges Schau­keln, Wackeln, Sprin­gen und Schwin­gen. Nebenan aber schlum­mern zwei kleine Kin­der see­len­ru­hig im Dop­pel­sitz. Fünf Rei­hen davor hüpft ein über­ge­wich­ti­ger Jugend­li­cher im Rhyth­mus der Zug­be­we­gun­gen auf und ab. Die Ein­hei­mi­schen ver­zie­hen keine Miene, sit­zen sto­isch da und har­ren der Dinge. Zug­fah­ren in Myan­mar ist eigent­lich nicht zu emp­feh­len, aber ein Erleb­nis.

Anstren­gung

April ist der hei­ßeste Monat im Jahr. Tem­pe­ra­tu­ren über 40 Grad sind nor­mal. Das lässt einen nicht kalt. Es ist Hitze, die einem das Gefühl gibt, man höre im nächs­ten Moment auf zu exis­tie­ren. Selbst das ein­fa­che Sein ist purer Schweiß, das Nichts­tun das immer­nächste Ziel, die Air-Condition das Paradies.

Vier Wochen sind am Ende doch zu wenig, um alles zu sehen, was ich mir nach und nach vor­ge­nom­men hatte. Im Flie­ger von Yan­gon nach Kuala Lum­pur treffe ich auf einen Aus­tra­lier, der in Pyin Oo Lwin, der frü­he­ren Som­mer­re­si­denz der Bri­ten, gebo­ren wurde. Mit 19 Jah­ren musste er aus sei­ner offi­zi­el­len Hei­mat aus­rei­sen, auf dem Pass ver­merkt: „Keine Rück­kehr mög­lich.” Es sollte anders kom­men. Seit 21 Jah­ren kommt er immer wie­der zurück, trifft sich mit alten Freun­den und lässt alte und neue Zei­ten auf­le­ben. Es gäbe noch viel zu sehen. Und auf die gegen­wär­tige Ent­wick­lung des Lan­des ange­spro­chen, ant­wor­tet er: „There is hope.” - „Es gibt Hoffnung.”

Meine Rei­se­route im Überblick:

Reiseroute Myanmar April 2014
www.stepmap.de Landkarten-Editor

StepMap
Reiseroute Myanmar April 2014


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