Indonesien
Oktober 5, 2014

Sumatra-Hoch nach Indonesien-Tief


Fahrt von Sura­baya nach Yogya­karta. Nach fünf Stun­den habe ich habe die Schnauze voll. So rich­tig. Die Ferien in Indo­ne­sien haben begon­nen. Java ist über­füllt. Die Stra­ßen dro­hen zu plat­zen. Hin­ter mir sit­zen sie­ben junge Indo­ne­sier in einem Mini­bus. Immer­hin habe ich den Sitz neben dem Fah­rer bekom­men. Tou­ris­ten­bo­nus. Die kom­for­ta­blen Züge Rich­tung Nor­den waren alle­samt aus­ge­bucht für die nächs­ten vier Tage. Kein Touristenbonus.

Alles beginnt gut. Schla­fen will ich etwas. Bis der Fah­rer anfängt, gegen die Scheibe zu trom­meln. Immer wie­der. Er beginnt, an sei­ner Ziga­rette zu schnüf­feln. Immer wie­der. Er beginnt, über­ho­lende Autos zu über­ho­len. Immer wie­der. Schla­fen kann ich nicht mehr. Lie­ber sehe ich uns mit offe­nen Augen gegen den nächs­ten Baum rasen. Da bleibt immer­hin noch das Gefühl von etwas Kontrolle.

Unun­ter­bro­chen hupt der Fah­rer. Kämpft um jeden Zen­ti­me­ter. Um jede Sekunde. Ist aber der letzte, der zum Auto zurück­kehrt, als wir Pause machen. Sinn-frei. So geht das über Stun­den. Wie im Irren­haus. Schließ­lich fin­det er nicht­mal mehr den Weg. Steigt aus, um Taxi­fah­rer zu fra­gen. Zwei der Indo­ne­sier hin­ter mir stei­gen schließ­lich aus und neh­men sich ein Taxi. Nach zwölf Stun­den errei­chen wir Yogya­karta. Zwölf statt sechs. An eine pünkt­li­che Ankunft habe ich ohne­hin nicht geglaubt. An eine sol­che Fahrt aber auch nicht.

Die letz­ten Tage hatte ich sou­ve­rän über der Klo­schüs­sel ver­bracht. In Ubud auf Bali und auch an nach der zehn­stün­di­gen Bus- und Fähr­fahrt nach Java. Nicht mal das WM-Spiel Spa­nien gegen Chile konnte ich wegen der Dauerschleifen-Kotzerei schauen. Dabei hatte ich mich vor­her extra bemüht, eine Unter­kunft mit Inter­net zu bekommen.

Ein über­teu­er­ter Trip in der dar­auf­fol­gen­den Nacht zum Mount Ijen folgte, dann die irre Mini­bus­fahrt. Ich über­legte, das Kapi­tel Indo­ne­sien nach einem Monat zu been­den. Zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort – das Motto, das ich mir im Kopf nach und nach zurechtlegte.

Bis dato war Indo­ne­sien super gelau­fen. Ich traf mich mit Freun­den aus Mainz, wir klet­ter­ten in Hitze und Eises­kälte gemein­sam auf den Rin­jani in Lom­bok, ver­brach­ten ein paar Tage auf den Gilis und ver­such­ten uns am Sur­fen in Padang Padang. Ver­traut­heit aus der Hei­mat. Da kön­nen gar keine ande­ren Gedan­ken auf-kommen.

Nun aber suchte ich gedank­lich schon nach Flü­gen in Rich­tung Laos, viel­leicht Kam­bo­dscha. Dann traf ich Illy und Valen­tin. Ghana gegen Deutsch­land begann in zwei Stun­den. Die bei­den kamen aus Suma­tra und Sula­wesi. Berich­te­ten von ihren Erleb­nis­sen, schwärm­ten und schwärm­ten. Und ent­fach­ten wie­der Begeis­te­rung in mir. Suma­tra und Sula­wesi soll­ten es nun also wer­den, ent­schied ich noch vor Abpfiff. Ich lies mein Visum ver­län­gern und hing wäh­rend­des­sen eine Woche im Hotel mit Pool ab. Sie­ben Euro die Nacht. Nichts­tun. Motivationskur.

You stay for lon­ger here?“, fragt mich die Bedie­nung am letz­ten Tag in Yogya­karta. Ich ver­neine, über­lege kurz, ob das eigent­lich stimmt, und bestelle zum sechs­ten Mal in Folge zum Früh­stück Pan­cakes mit Vanil­le­eis und geschmol­ze­ner Scho­ko­lade. Die Spei­se­karte brau­che ich nicht mehr. Die Pan­cakes schme­cken herr­lich hier. Wie immer. Ich bezahle den glei­chen Preis. Wie immer. Die Bedie­nung winkt mir zum Abschied hin­ter­her. Wie immer. Nur am nächs­ten Mor­gen komme ich nicht mehr. Kurz nach Son­nen­auf­gang geht es mit dem Zug nach Jakarta. In die Haupt­stadt Indonesiens.

Jakarta über­raschte mich posi­tiv. Naja, zumin­dest ent­sprach es nicht kom­plett mei­nen nega­ti­ven Kli­schees. Ohne Prie wären wir aber auf­ge­schmis­sen gewe­sen. Prie ist in der Nähe von Jakarta gebo­ren, suchte gerade eine neue Woh­nung und belegte über­gangs­weise ein Bett im Hos­tel. Er ver­stand sich auf jeden Fall als Frem­den­füh­rer und zeigte unse­rer inter­na­tio­na­len Gruppe die Mil­lio­nen­stadt. Am ers­ten Tag des Rama­dans führte er uns durch über­füllte Märkte, ließ uns in die rich­ti­gen Busse stei­gen und guckte ab und an selbst spät in der Nacht mit uns WM-Spiele. Am Mor­gen nach dem spä­ten Aus­schei­den der Schwei­zer gegen Argen­ti­nien ging es schließ­lich zum Flug­ha­fen. Ab nach Medan. In den Nor­den von Sumatra.

Völ­lig ver­schwitzt bin ich nach 30 Minu­ten an der Platte. Kon­di­tio­nell ange­schla­gen. Dabei geht es doch nur darum, die­sen klei­nen wei­ßen Ball immer wie­der übers Netz zu spie­len. Von­we­gen. Es geht gegen einen Profi. Zumin­dest wollte er es mal wer­den. Eric, Mitte vier­zig, Fran­zose. Num­mer drei der Junio­ren in Frank­reich. Damals. Spielt jetzt hier in Tuk-Tuk seit 20 Jah­ren mal wie­der, sagt er. Die Platte gleicht dem holp­ri­gen Anfahrts­weg zur Unter­kunft. Trotz­dem spie­len wir stun­den­lang. Bis zur Erschöpfung.

Zwölf Tage blieb ich in Tuk-Tuk am Toba-See. Es passte sehr viel. Da war zum Bei­spiel Mikka, der Finne, der jeden Abend sein Bier brauchte, auch wenn es auf der Halb­in­sel - auf der wir uns befan­den – noch einen Euro teu­rer war. Zusam­men ras­ten wir in den ers­ten Tagen über die Insel und an den Hän­gen des Kra­ter­sees entlang.

Oder Ricky, einer der Jungs der indo­ne­si­schen Gast­fa­mi­lie, der immer wie­der mit einem ver­schmitz­ten Lächeln ankam, wenn neue weib­li­che Gäste ein­check­ten: „They are so pretty, so nice, did you see them?“

Oder das Luxus­res­sort mit der deut­schen Bäcke­rei, zu deren Stamm­kunde ich bald gehörte und wo ich in der elf­ten Nacht das Finale gegen Argen­ti­nien ver­folgte. Eupho­ri­siert ging ich mor­gens um fünf bei Mond­licht zurück in mein Bun­ga­low und wachte irgend­wann mit­tags mit Mus­kel­ka­ter auf. So ver­krampft und ange­spannt hatte ich die zwei Fußball-Stunden vor dem Bild­schirm ver­bracht.


Wann fährt sie?“

Um elf.“

Und jetzt ist...?“

Nicht mal neun!“

Um 10.45 Uhr ver­las­sen wir die War­te­halle in Rich­tung Pier. Ich gehe vor­aus, sehe einen gro­ßes Schiff able­gen, warte aber noch auf die bei­den ande­ren. Denke mir nichts dabei. Bis wir die Situa­tion erkennen.

Das ist jetzt aber nicht unsere Fähre?“

Es ist erst vier­tel vor!?“

Das ist sie!“

Das glaub ich jetzt nicht.“

Pre­mière in Banda Aceh. Ein Trans­port­mit­tel in Indo­ne­sien ist erst­mals zu früh los­ge­fah­ren. Der Mann am Ticket­schal­ter sagte elf Uhr, das Schild an der Ein­gangs­halle sagte elf Uhr. Die nächste Fähre kommt erst in fünf Stun­den. Ich bin völ­lig über­mü­det, klebe am gan­zen Kör­per, konnte wäh­rend der 15-stündigen Bus­fahrt hier­hin kaum schla­fen. Und jetzt das. Wei­tere fünf Stun­den War­te­zeit erschei­nen wie ein Tag. Diese kleine Plan­än­de­rung wie ein rie­si­ges Pro­blem. Aber immer­hin: Es fährt wenigs­tens noch ein ande­res Schiff.

Wir nah­men die Fähre um 16 Uhr. Sie fuhr nicht pünkt­lich ab. Wir, das waren Mat­thias, Sarah und ich. Wir saßen im glei­chen Bus vom Toba­see nach Bukit Lawang. Guck­ten uns dort halb­wilde Orang-Utans an und hat­ten dann die glei­che Route zum Meer – nach Banda Aceh und von dort zur Insel Pulau Weh. Zum ers­ten Mal nach vier Mona­ten reiste ich nun über einen län­ge­ren Zeit­raum mit ande­ren Back­pa­ckern. Wir ver­stan­den uns sofort. Auch auf der Ironie- und Humorebene.

Zusam­men schnor­chel­ten wir in der geschütz­ten Bucht, fuh­ren zu Kilo­me­ter null von Indo­ne­sien und mach­ten Aus­flüge auf die andere Seite der Insel. Dann der Abschied und die ers­ten Momente des Allein­seins. Komi­sches Gefühl, keine Frage. Aber ein Gefühl, das schnell ver­geht. Beim Zwi­schen­stopp in Jakarta tra­fen wir uns drei Tage spä­ter noch mal am glei­chen Ter­mi­nal. Das war geplant. Bei­nahe ver­passte ich an die­sem Tag mei­nen Wei­ter­flug nach Sula­wesi. Als Vor­letz­ter stieg ich die Stu­fen zum Flug­zeug hinauf.

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