Neuseeland
Oktober 28, 2014

Was gesagt wer­den musste


Tag 30 in Neuseeland.

Ich campe am Lake Pear­son, irgendwo in den Ber­gen zwi­schen Hoki­tika und Christ­church. Beseelt von den Stun­den am Castle Hill bin ich eupho­ri­siert hier­her gefah­ren, habe laut Parov Stelar gehört und auf dem Lenk­rad mit­ge­trom­melt. Nach dem Abend­es­sen, das ich mir keine zwei Meter vom See­was­ser ent­fernt koche, ziehe ich meine Vor­hänge im Innen­raum des Vans zu, knipse die Decken­lampe ein, lege mir mei­nen Lap­top zum Schrei­ben und mein Kindle zum Lesen bereit, dane­ben meine heiß­ge­liebte Cad­bury-Scho­ko­lade.


Nach der ers­ten Woche habe ich ange­fan­gen, nach und nach meine Neu­see­lan­d­er­leb­nisse auf­zu­schrei­ben. Im End­ef­fekt nicht wegen des Blogs oder der Face­book­seite. Viel­mehr um ein­fach noch­mal den Tag Revue pas­sie­ren zu las­sen. Ich frage mich, warum ich das nicht schon längst gemacht habe. In der Hitze Asi­ens fehlt mir wohl die Ruhe am Abend. Hier liege ich, wenn es dun­kel ist, in mei­nem Cam­per­van und schreibe, wäh­rend es drau­ßen immer käl­ter wird. Rich­tig Freude habe ich daran.

Ganz ehr­lich, die Zahl der­je­ni­gen, die die Blog­seite „geli­ked“ haben, meine Bei­träge lesen und kom­men­tie­ren ist ver­schwin­dend gering (trotz­dem freue ich mich rie­sig dar­über), aber – und das ist nicht die Erkennt­nis von mir – der über­wie­gende Teil von Freun­den, Bekann­ten und poten­zi­el­len Lesern hat kein Inter­esse daran, was jemand in Neu­see­land, Indo­ne­sien oder Myan­mar erlebt. Und das soll kein „Auf die Trä­nen­drüse drücken“-Statement sein. Denn ich selbst habe einen hei­den Spaß daran, manch­mal bis spät in die Nacht Videos zu schnei­den, Musik zu suchen und Sto­ries zu schrei­ben. Ob das Resul­tat 100, 400 oder 5 000 Facebook-Fans mit­krie­gen - oder eben nicht.

In den ver­gan­ge­nen Wochen tue und lasse ich, was ich will. Keine Kom­pro­misse, keine Abfahrts­zei­ten und Busse, die mich zum nächs­ten Ort brin­gen, keine vol­len Hos­tels mit Back­pa­ckern, keine vor­aus­bli­cken­den Pläné. Gefällt mir der Weg nicht, den ich ein­ge­schla­gen habe, drehe ich ein­fach um. Halte ich alle zwei Minu­ten an, um Fotos zu schie­ßen – ab dafür. Und wenn ich das T-Shirt auch am vier­ten Tag noch­mal anziehe. Wenn interessiert’s ? Die letz­ten Tage kraxle ich jeden Tag einen ande­ren Berg hoch. Stapfe durch Matsch und Geröll­wüs­ten, über Schnee­fel­der und Gras­hänge. Lang­wei­lig? Ich kann mir momen­tan nichts bes­se­res vor­stel­len. Auch wenn ich dafür nicht zwang­weise nach Neu­see­land rei­sen muss. Keine ver­lo­rene Zeit für mich trotz­dem. Fahre ich an einem Museum oder his­to­ri­schen Ort vor­bei, frage ich mich, ob ich dar­über mehr wis­sen will? Und lasse das Ganze schließ­lich links liegen.

Ich habe zumin­dest momen­tan das Gefühl, fast alles rich­tig zu machen. Getra­gen zu wer­den. Das Wet­ter ist oft bes­ser als vor­her­ge­sagt, die Zeit­fens­ter für Aus­flüge in die Berge per­fekt gewählt, die Attrak­tio­nen ent­lang der Straße nicht über­lau­fen. Sogar meine Rücken­schmer­zen, die ich seit fünf Wochen habe, sind ver­flo­gen. Abends lese ich im Neon­licht Bücher von Andreas Alt­mann und Tiziano Ter­zani. Lache mich krumm, lese ungläu­big irr­wit­zige, dann wie­der nach­denk­li­che Geschich­ten und schlafe oft erst weit nach Mit­ter­nacht ein. Schreibe sel­ber ein paar Absätze. Ich brau­che keine andere Gesell­schaft und muss - vor allem will - auch mit kei­ner ande­ren Per­son ein Gespräch anfan­gen.

Momen­tan fehlt es mir an nichts.


Ohne Über­hö­hung, ohne Roman­ti­sie­rung ist das gesagt. Wort­wört­lich. Das ist kein Facebook-Post an alle Freunde: Ich bin in Por­tu­gal, China, Ame­rika – alles ist super­geil! Klar, die bringt jeder, auch ich. Kommt ja auch doof, gerade das schlech­teste Wet­ter und das mie­seste Pan­orama zu ver­öf­fent­li­chen. Das gefällt weni­gen. Es gehört doch zum guten Ton, dass, wenn Mann oder Frau im Aus­land ist, also weg vom All­tag und dem Nor­ma­len, alles leuch­ten­der, far­bi­ger und inter­es­san­ter ist als bei denen, die die Nach­richt lesen sol­len. Die guten Momente wer­den raus­ge­pickt. Ob wirk­lich alles super­geil ist, wage ich zu bezweifeln.

Was bis­her auf Neu­see­land zutrifft, beschreibt wie­der­mal ein Satz von Andreas Alt­mann am bes­ten. Gerade jetzt passt er opti­mal, bin ich doch in den ver­gan­ge­nen Tagen durch Städte an der West­küste gefah­ren, die einst durch den Gold­rausch groß gewor­den sind. Die Men­schen ström­ten damals in Scha­ren dort­hin, um ihr Glück zu fin­den. Alt­mann schreibt, sicher in einem ande­ren Kon­text, aber auf meine Situa­tion zutref­fend: „Gold und Edel­stein habe ich nicht gefun­den, aber die Schön­heit der Welt.“

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