Indonesien
Dezember 17, 2014

Wenn einer eine Fähre nimmt ...


Was ist eigent­lich ein Aben­teuer? Oft wird die­ses Wort doch über­stra­pa­ziert. Schnell wird ein sim­pler Ritt auf dem Bus­dach zum Aben­teuer - oder die Rol­ler­fahrt durch die Reis­fel­der. Meine Anreise von Sula­wesi nach Flo­res ist aber aben­teu­er­lich. Behaupte ich. Ohne etwas unan­stän­dig zu stra­pa­zie­ren. Hier passt das Adjektiv.

Das war passiert.

Wir, das sind Judith (eine köl­sche Froh­na­tur und Leh­re­rin im Sab­bat­jahr) und ich, hät­ten natür­lich auch den Flie­ger neh­men kön­nen. Über Bali und dann nach Labuan Bajo, dem wohl bekann­tes­ten Ort auf Flo­res. Von hier sind die Aus­flüge auf die Komodo-Inseln nicht mehr weit, die ein­zig­ar­ti­gen Warane ganz nah und die Tauch­gänge spek­ta­ku­lär wie sel­ten in Asien. Doch da wir uns am Süd­zip­fel von Sula­wesi befin­den, steht ein teu­rer Flug nicht zur Debatte. Wir neh­men die Fähre gera­de­wärts durch das Meer gen Süden, die momen­tan aber nicht nach Labuan Bajo (ganz im Wes­ten), son­dern nur nach Maumere (rela­tiv weit im Osten) schippert.

Der Plan: Es in zehn bis zwölf Tagen von Osten nach Wes­ten zu schaffen.

Treff­punkt ist der Hafen in Makas­sar. Im Schlepp­tau zwei Hol­län­de­rin­nen, die wir in Bira im glei­chen Hos­tel getrof­fen hat­ten. Spon­tan haben sich die bei­den für die­sen Trip ent­schie­den. Eigent­lich woll­ten sie gar nicht im Osten von Flo­res star­ten. Doch ihre Fähre kam ges­tern erst gar nicht in Makas­sar an. Die Abfahrts­zeit unse­res Schif­fes var­riert auf den – immer­hin seriös wir­ken­den - Tickets. Irgend­was zwi­schen 23 und 0 Uhr. Es ist 4:22 Uhr, als wir vom Pier ablegen.

Die letz­ten Stun­den hat­ten wir damit ver­bracht, zwi­schen hun­der­ten von eben­falls war­ten­den Indo­ne­si­ern lus­tige Grup­pen­fo­tos zu machen. Mit einem Selfie-Stab. Das ist die­ses Ding, an das man Han­dys und Kame­ras fest­macht und damit der gan­zen Welt zeigt, vor wel­chen Gebäu­den und Buch­ten man die­ses Mal steht. Auch ohne Rei­se­part­ner. Wir hat­ten also die Auf­merk­sam­keit kom­plett auf uns gezogen.

Man stelle sich das wie folgt vor: Das Hafen­ge­lände ist weit­läu­fig durch einen Git­ter­zaun abge­sperrt. Innen war­ten die Pas­sa­giere auf dem Boden, am Ein­gang die flie­gen­den Händ­ler mit ihren pro­vi­so­ri­schen Stän­den. Eier, Bana­nen, Gua­ven, Oran­gen, Reis, Brause und Was­ser gibt es im Über­an­ge­bot. Und noch viel mehr. Für euro­päi­sche Augen nicht immer zu erah­nen, was eigent­lich genau. Nütz­li­ches und kom­plett Sinn­freies wech­seln sich meter­weise ab. Die Klu­gen ver­kau­fen Papp­kar­tons und Bam­bus­mat­ten, die vor dem Dreck schüt­zen. Am Zaun ste­hen schließ­lich die Gaf­fer und Bemit­lei­dens­wer­ten, die wie Gefan­gene hin­ter den Git­ter­stä­ben immer wie­der ihr Leid kla­gen.

Wir sind, noch mit einem Fran­zo­sen und sei­ner thai­län­di­schen Freun­din sowie einer Ame­ri­ka­ne­rin, offen­sicht­lich die ein­zi­gen Aus­län­der. Zag­haft ver­su­chen die Grup­pen um uns herum, ein Gespräch zu begin­nen. Die weni­gen eng­li­schen und indo­ne­si­schen Sätze wer­den aus­ge­tauscht. Irgend­wann wird die Masse unru­hig. Ab ins Gedränge. Die Menge bewegt sich ziel­ge­rich­tet in einen Trich­ter aus zwei schma­len Ein­läs­sen. Trä­ger, kilo­weise Kof­fer und Kis­ten auf die Schul­tern gehievt, drän­geln sich an den Drän­geln­den vor­bei. Drei­ßig klaus­tro­phi­sche Minu­ten spä­ter sind wir im Schiff­sin­ne­ren. Die Suche beginnt. Nach dem rich­ti­gen Deck, dem rich­ti­gen Gang und der rich­ti­gen Türe mit der Num­mer, die auf unser Ticket gedruckt ist.

Doch schnell ist klar: Es gibt hier nichts außer Mas­sen an Matrat­zen­la­gern, ver­teilt auf vier oder fünf Decks. Den Über­blick zu behal­ten, fällt in die­sem Auf­lauf schwer. Ach, ich hatte im Vor­feld ohne­hin nicht an bezo­gene Bet­ten mit wei­ßen Kis­sen geglaubt. Immer­hin sind die Anzüge der Uni­for­mier­ten aber strah­lend sau­ber. Doch zwi­schen uni­for­miert und unin­for­miert liegt nur ein Buch­stabe und so win­ken die Her­ren in weiß ab, als wir ihnen unsere Tickets zei­gen. Die Ebe­nen sind getränkt von sti­cki­ger Luft, die Decken tief, die Räume voll mit Men­schen. Wie­der nichts für Leute mit Platz­angst.
Ein­la­dend finde ich die Situa­tion ganz und gar nicht. Und doch wird klar, warum die Ein­hei­mi­schen so unsanft ins Schiff dräng­ten. Jeder mit dem Ver­such, sich eine der Prit­schen zu sichern, um wenigs­tens ein biss­chen Kom­fort zu haben. Die, die es nicht geschafft haben, sit­zen und lie­gen nun vor den Trep­pen­auf­gän­gen zwi­schen gesta­pel­ten Kis­ten auf Papp­kar­tons.

Judith und ich flüch­ten nach drau­ßen. An Deck tref­fen wir auch die Hol­län­de­rin­nen wie­der, die im Getüm­mel ver­lo­ren gegan­gen waren. Alle mit dem glei­chen Bedürf­nis: Frei­raum und fri­sche Luft. Auf einem 1,50 Meter brei­ten Durch­gang, ver­stärkt mit Holz­plan­ken und direkt unter­halb der Ret­tungs­boote, schla­gen wir wenig spä­ter unser Lager auf. Stress und Auf­ge­regt­heit machen bald so etwas wie dem Gefühl von Ankom­men Platz. Auch wenn der Platz ein ande­rer ist als gedacht. Zwei wei­tere Stun­den ver­ge­hen, bis das Pelni-Boot mit sei­nen tau­send Gela­de­nen unter einem ohren­be­täu­ben­den Signal in die Nacht fährt.

Ich falle in einen unru­hi­gen Schlaf, aus­ge­streckt zwi­schen der weiß lackier­ten Schiffs­wand und dem hüft­ho­hen Gelän­der. Bis mich die Sonne blen­det. Es ist das letzte Mal, dass ich auf die Uhr schaue. Aus Selbst­schutz. Die ers­ten fünf Stun­den sind rum. Die hygie­ni­schen Ver­hält­nisse an Bord sind mitt­ler­weile, diplo­ma­tisch gesagt, sub­op­ti­mal. Vor den Toi­let­ten haben sich Pfüt­zen gebil­det. Ob das Was­ser ist, mag ich im Moment des Müs­sens nicht beur­tei­len. Denn ich atme nur noch durch den Mund. Die Ret­tungs­boote (in die nie­mals alle Schiff­brü­chi­gen pas­sen wür­den) wer­den von nun an von vie­len als Ort der Erleich­te­rung genutzt. Das erschwert wie­derum unsere Frisch­luft­zu­fuhr. Die Stun­den ver­ge­hen lang­sam, das Schiff rauscht durch die Wel­len, ab und zu sind kleine Inseln in der Ferne zu sehen. Ich ver­folge den Weg der Sonne über mir. In der Hoff­nung, dass es end­lich schat­tig wird. Ist die größte Hitze am Nach­mit­tag über­stan­den, frischt der Wind auf und pfeift unauf­hör­lich.

Neben uns hat sich seit Beginn der Fahrt eine Gruppe von Indo­ne­si­ern gesetzt, die kilo­weise Kle­ber­eis dabei hat. Ein­ge­wi­ckelt in Bana­nen­blät­ter. Dazu Hähn­chen­stü­cke, die über­wie­gend aus Kno­chen und Knor­peln beste­hen. In regel­mä­ßi­gen Abstän­den wer­den wir höf­lich dazu gezwun­gen, reich­lich zuzu­schla­gen. Das ist wirk­lich nett, keine Frage. Der Vor­rat reicht für eine vier­wö­chige Kreuz­fahrt. Aber irgend­wann wäre mir auch der ver­sal­zenste Reis, den ich einst in mei­ner heroisch­ten Koch­stunde gezau­bert hatte, lie­ber gewe­sen als die­ser Spei­se­röh­ren­kle­ber. Die Laune wird mit Erin­ne­rungs­fo­tos hoch­ge­hal­ten und spä­tes­tens als vom tie­fer lie­gen­den Deck ein Vater samt Sohn zwi­schen unse­ren Ruck­sä­cken Platz nimmt und beginnt, den Lonely-Planet-Reiseführer über Indo­ne­sien durch­zu­blät­tern, nimmt das Ganze komi­sche, aber äußerst unter­halt­same Züge an.

Um es abzu­kür­zen: Wer keine Pro­bleme hat, 18 Stun­den im Freien bei Hit­ze­schlag­ri­siko am Tag und frös­teln­dem Wind bei Nacht auf einem mit Sicher­heit über­füll­ten Schiff zu ver­brin­gen, dabei hum­vor­voll und – es hilft – sar­kas­tisch über sich erge­hen zu las­sen, dass hun­derte Füße sich im Minu­ten­takt über das eigene Schlaf­la­ger win­den, viel­leicht aber auch ohne­hin gut im Zeit­tot­schla­gen ist oder – das ist der Jack­pot – flie­ßend indo­ne­sisch spricht, schließ­lich aber auch noch den Gang nach drau­ßen (merke: Indo­ne­sier sind gedul­dig, nur nicht beim Betre­ten und Ver­las­sen eines Schif­fes) auf einer ama­teur­haft schwin­gen­den, strick­lei­ter­ähn­li­chen Treppe ohne Ver­let­zun­gen über­steht, dem sei zum Über­set­zen von Sula­wesi nach Flo­res mit dem Schiff geraten.

Allen ande­ren auch.



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